WSOTSN
DIE PREDIGT DES GUTEN BEISPIELS
691
Gottes wie seines Volkes. Wenn Savonarola überall, wohin seinerschütterndes Wort drang, so begeisterten Beifall erntete, so ge-schah es lediglich, weil er Tausenden und aber Tausenden aus demHerzen redete und ihren Anschauungen, Wünschen, Hoffnungen,Befürchtungen, Ängsten und Nöten die packendsten und er-greifendsten Worte lieh.
Gleichwohl hätte das Volk den vom Frate in Anspruch ge-nommenen prophetischen Predigtberuf nie anerkannt, hätte es dieunerläßlichen sittlichen Voraussetzungen an ihm selbst vermißt.Es wußte, daß er das Leben eines Heiligen führte und nicht zurMasse der geistlichen Marktschreier gehörte, die anderen Wasserpredigten, selbst aber Wein tranken. Nicht der Schatten einersittlichen Makel lastete auf ihm; stets war er der erste undeifrigste Befolger seiner eigenen Lehren. Nicht die Spur selbst-süchtiger, ehrsüchtiger oder habsüchtiger Nebenabsichten hafteteihm an. Wenn der heilige Bernhardin von Siena die Gläubigenaufforderte, den Geist der sich ihnen aufdrängenden Prediger mitder Goldwage ihrer Stellung zum Gelde zu erproben 167 , so hatteder Frate diese Feuerprobe schon unter Lorenzo de' Mediciglänzend bestanden. Er hatte sich weder wie Johannes Dominicimit dem roten Hute noch wie Robert Caracciolo mit der Mitraabfinden lassen. Als wahrer Mann Gottes hatte er meisterhaftjene Art Predigt entwickelt, die sich noch stets als unwidersteh-lich erwies — das gute Beispiel.
So groß nun sicher der Anteil war, den die Prophetie an denKanzeltriumphen des Frate hatte, so wenig ist über ihm die außer-ordentliche rednerische Begabung zu übersehen, die er von Hausaus besaß. Zwar hob er gerne die Mißerfolge seiner vorpropheti-schen Predigt hervor, der gegenüber in seinen Augen die glänzen-den Wirkungen der späteren Zeit nur durch das unmittelbare Ein-greifen einer höheren Macht zu verstehen waren 188 . Aber er gabdoch auch selbst zu, daß die Prophetie nur eine Zugabe, ein Super-additum, zu seiner Predigt sei, in der er die Aufgabe seines Lebenserblickte. In der Predigt lebte und schwebte er, in ihr ging er voll-ständig auf, sie war ihm zum unentbehrlichen Lebensbedürfnissegeworden. „Wenn ich nicht predige," sagte er selbst 160 , ,,so kannich nicht leben." „Wie gerne möchte ich schweigen und nichtmehr reden," rief er ein andermal aus 170 , „aber es ist mir nichtmöglich, denn das Wort Gottes brennt mir wie Feuer im Herzen,