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DER PREDIGER
Senkung in die Gedankenwelt der Bibel und der Propheten erstrecht religiös geschult und vertieft, betrachtete er alle irdischenDinge und Verhältnisse im Lichte der Ewigkeit. Gott und diegroße Liebe, der Erlöser und sein bitteres Leiden und Sterben,die Nichtigkeit alles Irdischen und Vergänglichen, der Tod, dasGericht und die letzten Dinge des Menschen — das waren dieernsten Wahrheiten, die in rauschenden Akkorden durch alleseine Predigten klangen. Der prophetisch-religiöse Geist, in demer vollständig aufging, war es, der ihn zur reformatorischen Pre-digt zwang. Der Prophet im Prediger war es, der in den innerenwie äußeren politischen Nöten der Arnostadt seine warnendeStimme erhob, wie einst unter ähnlichen Verhältnissen auch diealten Propheten getan hatten. Der Prophet im Prediger war esauch, der die Menge beständig in atemloser Spannung erhielt. Jeschlechter es den Leuten ging, um so begieriger lauschten sieseinen Worten. Wie hätten sie auch nicht mit bebender Ungeduldan seinen Lippen hängen sollen, wenn sie von ihm Aufschlüsseüber das Wohl und Wehe ihrer Vaterstadt, über Leben und Todihrer Mitbürger wie über ihr eigenes Schicksal, über die Ankunftdes französischen Königs und seine Absichten mit der Stadt, überdie Neuordnung der Verfassung, über die auswärtige Politik, überdie Liga, über Kaiser Maximilian und seinen Anschlag auf Li-vorno erwarteten? Wie hätten sie nicht mit leidenschaftlicherTeilnahme die Wechselfälle des furchtbaren Kampfes, den er ge-rade in seiner Predigt mit den Gegnern, mit dem Papste und derrömischen Kurie führte, verfolgen sollen? War nicht ihr Ge-schick mit dem des Frate aufs engste verflochten? Nicht als einÄrgernis, sondern im Gegenteil als eine wahre Wohltat, als eineförmliche Erlösung vom dumpfem Alpdrucke empfanden es dieGläubigen, daß sich endlich jemand gefunden hatte, der mit pro-phetischem Freimute die Schändlichkeiten der verkommenenKlerisei brandmarkte, die seit Jahrhunderten allen Wohlgesinntendie Schamröte ins Angesicht trieben. Was er darüber auf derKanzel auch vorbringen mochte — er konnte nichts vorbringen,was irgend jemand neu gewesen wäre. Das verkörperte Gewissenseiner Zeit, sprach er ja nur, was sich alles längst dachte,aber niemand zu sagen getraute; und so schwer seine Anklagenlauteten, so war die Wirklichkeit doch noch viel schlimmer unddüsterer 166 . Der Prophet ist immer nur das Sprachrohr seines