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DER PREDIGER
haupt an kein festes Gerüste, sondern ging mit überraschenderLeichtigkeit von einem Gegenstande zum anderen über, von philo-sophischen Erklärungen zur Auslegung bald alt-, dann wiederneutestamentlicher Schriftstellen, und von ihr zur Ermahnung undNutzanwendung. Kaum hatte er einen Gedanken ergriffen, soschweifte er auch schon auf einen anderen ab. Er verglich sichselbst mit einem Strome, der jede Höhlung, auf die er unterwegsstößt, ausfüllt und dann weiterfließt 141 . Indem er die unerträg-lichen Fesseln, welche die Predigt bisher eingeschnürt und erdros-selt hatten, entschlossen zerbrach, erwarb er sich die größten Ver-dienste um diese und ward geradezu zu ihrem Erneuerer, wieschon die Zeitgenossen bemerkten. „Er predigte", rühmte ihm einZuhörer 142 nach, „auf apostolische Weise, ohne seinen Vortrag zugliedern oder Streitfragen aufzuwerfen und den Zieraten der Be-redsamkeit Wert beizulegen, sondern richtete nur auf die Aus-legung alttestamentlicher Abschnitte und auf die Wiederherstel-lung der urchristlichen Einfalt sein Augenmerk und führte so eineneue Art der Verkündigung des göttlichen Wortes ein." Da ernicht als Wanderprediger auftrat, sondern jahrelang vor dersel-ben Zuhörerschaft sprach, so lag für ihn auch kein besondererAnlaß zu thematischen Predigten vor. Selten kündete er schongleich zu Beginn seines Vortrages den Gegenstand, den er zu be-handeln gedachte, ausdrücklich an, wie in seiner Predigt vomguten Tode 143 ; er näherte sich wieder der altehrwürdigen Homilie,obschon er sich auch an sie nicht strenge band. So zeichnete sichseine Predigt durch eine Schlichtheit und Einfachheit aus, welchedie von ihm unablässig so warm empfohlene Semplicitä getreulichverwirklichte. Mit Recht konnte er von sich sagen, daß er unterVerzicht auf alle bloß menschliche und aufgeblasene Weisheit undunnützen Schmuck einfältig und freimütig nur Christum den Ge-kreuzigten und nicht sich selbst predige 144 . „Gott ist mein Zeuge",beteuerte er 145 , „daß ich nicht auf schöne Worte oder gefälligesMienenspiel sinne; nur um den Inhalt und die Sache selbt ist esmir zu tun, und ich rede, je nachdem mich ein Gegenstand packtund der Eifer treibt."
Die Volksprediger bemühten sich krampfhaft, den Anforderun-gen der Menge und besonders der Gebildeten zu genügen, ver-mochten einen tieferen Eindruck jedoch nicht hervorzubringen.Savonarola kümmerte sich um den Geschmack der Zuhörer nicht