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DER FRATE UND DIE ALLEGORISCHE SCHRIFTERKLÄRUNG 683
Welt und die Aufgeblasenen vom Tiefsinne der Heiligen Schrift zuüberzeugen, eine gewisse Unruhe der Zuhörer und ein Nachlassenihrer Aufmerksamkeit nicht bloß bei den ungebildeten, sondernauch gebildeten wahrnahm." Als echtes Kind seiner Zeit erwies ersich auch in dem allzu reichen Gebrauche der allegorischenSchriftauslegung. Gewiß ging er hierin nicht weiter als Barletta,Robert Caracciolo, Vinzenz Ferrer, Bernhardin von Siena undzahllose andere. Unleugbar bediente er sich der Allegorie häufigin geistvoller Weise, wenn er auch nicht selten auf gezwungeneund geschmacklose Erklärungen verfiel 135 . So deutete er bei Er-klärung des Geichnisses vom verlorenen Sohne das Wort desHausvaters: „Führet ein gemästetes Kalb herbei und schlachtetes" (Luk. 15, 23) auf Christus mit den Worten: „Das gemästeteKalb ist unser Herr Jesus, das will heißen: Gehe zur Kommunionund iß vom gemästeten Kalbe 136 !" Dagegen trug er der Predigt-mode keine Rechnung 137 , die im Prunken mit ausgedehnter Bele-senheit und mit massenhaften Belegstellen aus allen möglichenSchriftstellern ein Hauptkennzeichen erlesener Vortragskunst sah.Zwar führte auch er Aussprüche aus den Vätern, besonders ausAugustin, Hieronymus, Gregor dem Großen, Ambrosius und na-mentlich aus Thomas von Aquin sowie aus Plato und Aristotelesan; dies geschah jedoch in so bescheidener Weise, daß von gelehr-ter Prahlerei keine Rede sein konnte. Vollständig verschmähte eres, auf der Kanzel Stellen aus Dante oder Petrarca anzuführen,und von den alten klassischen Dichtern erwähnte er nur ganz we-nige, längst zum Gemeingute aller Gebildeten gewordene Aus-sprüche 138 . Allzu heilig war ihm die Kanzel, als daß er sich der zuseiner Zeit so beliebten Hilfsmittel lustiger Schwanke oder künst-licher Tränen oder gar so unwürdiger Kniffe, wie sie einem Ma-rian von Gennazano zu Gebote standen, bedient hätte; mit seinerPredigt bei lebenden Bildern oder theatralischen Schaustellungenmitzuwirken, fiel ihm nicht ein 139 . Auch auf theologische Streit-fragen ließ er sich nur selten ein, obschon er eine Zeitlang selbstder Ansicht gehuldigt hatte, daß sie auf die Kanzel gehörten 140 . Amauffälligsten stach seine Predigt von der seiner Zeitgenossen durchdie Formlosigkeit ihres Aufbaues ab; sie ließ namentlich die end-losen und unfruchtbaren Einteilungen und Gliederungen gänzlichvermissen, in w 7 elchen die damaligen Kanzelredner schwelgten undmit ihrem Scharfsinne zu glänzen suchten. Er hielt sich über-