DIE PREDIGTWEISE DES FRATE
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taufe
und bezauberte alle. Oft mußte er die Kanzel vor der Zeit ver-lassen, weil das Volk in Tränen und lautes Schluchzen ausgebro-chen war und in tiefster Zerknirschung zu Gott um Barmherzig-keit flehte; oft vermochte der Schnellschreiber vor Ergriffenheitseinen Worten nicht mehr zu folgen 146 . Wir erinnern uns des Be-richtes des Grafen Johann von Mirandola, bei Savonarolas Predigtvon der Sündflut habe ihn ein Schauer ergriffen, und die Haareseien ihm zu Berge gestanden 147 . Alles brach in Tränen und Angst-rufe aus und schlich, wie ein anderer Ohrenzeuge 148 meldet, wort-los und halbtot vor Schrecken durch die Straßen. Derselbe Schrift-steller rühmt ihm nach 149 , er habe alle seine Zeitgenossen an Be-redsamkeit weit übertroffen, ein göttlicher Verkündiger des Wor-tes des Herrn und unvergleichlicher Herold des urchristlichen Le-bens. „Seine Rede", versichert ein feingebildeter Humanist 150 , „istund war niemals geschminkt und geflickt, sondern rein und ein-fach, nicht gekünstelt und gezwungen und doch auch nicht nach-lässig und nüchtern, nicht wortreich und voller Redensarten, son-dern gemessen und, wenn nötig, kurz angebunden, nicht kunst-voll aufgeputzt, sondern keusch, züchtig und würdevoll. Dahersind denn auch seine Worte nicht wie mit dem Brenneisen gekräu-selt, sondern lebendig, feurig, schneidig, und wie sie aus der tief-sten Tiefe des Herzens strömen, so dringen sie in die innerste Seeleein und reißen den Menschen, ob er will oder nicht, nach Beliebenmit sich fort. Kurz, Pitho, die Göttin der Beredsamkeit, thront aufseinen Lippen, denn so darf man jene göttliche, sein ganzes Herzverzehrende Flamme sowie jenen himmlischen Feuereifer nennen,der ihn selbst zur verkörperten Predigt stempelt, die schärfer istals ein zweischneidiges Schwert." „Fast jedermann", bezeugt einalter Anhänger 151 , „gesteht, es habe in unseren Tagen keinen Pre-diger gegeben, der die Geheimnisse des Herzens besser zu ergrün-den verstand als der Frate, dieser Gottesmann, gerade als hätte ersie mit Augen geschaut. So kommt es, daß er die Leute zuweilenin Staunen und Bestürzung versetzt, so daß sie nach seiner Predigtganz in sich gekehrt bleiben — die einen voll Zerknirschung undSchmerz über ihre Sünden, die andern von Liebe entflammt undvon Verlangen nach den himmlischen Dingen entzündet, wiederandere von der Furcht vor dem Tode und der Hölle erschüttert.Wiederholt sah ich die Gläubigen nach der Predigt eine langeWeile mit ihren Freunden dahingehen, ohne daß sie ein Wort mit-