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DER PREDIGER
Nicht sprach der Herr zur ersten der Gemeinen:Geht hin und tut der Erde Possen kund!Nein, wahre Lehre spendet' er den Seinen.
Von ihr ertönt' im Kampf des Jüngers Mund,Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken,Mit Schild und Speer des Evangeliums stund.
Jetzt predigt man von Possen und von Schwanken,
Und die Kapuze schwillt, wenn alles lacht,
Und, der sie trägt, braucht sonst an nichts zu denken.
Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht,Daß, sah' man's, es den Wert dem Ablaß raubte,Den man beim Volk so hoch im Preis gebracht.
Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,Daß, möcht' ein Priesterwort das tollste sein,Man ohne Prüfung und Beweise glaubte.
Die alten Danteerklärer geben uns eine Vorstellung von denFabeln, die man auf der Kanzel aufzutischen wagte 38 . Viele Pre-diger, sagt der Minorit Johann von Serravalle, Bischof von Fermo,selbst ein hervorragender Kanzelredner, als welcher er 1395—1406in Florenz wirkte 39 , in seiner umfangreichen Auslegung der gött-lichen Komödie 40 , verkünden große Ablässe und Lügen und ver-dienen so viel Geld. Sie führen lächerliche und possenhafte, ver-brecherische und unzüchtige Reden — wenn nur das Volk lacht,so sind sie schon zufrieden". So erwirbt man reichen Gewinn undtäuscht die Gläubigen. Viele erkennen sehr wohl, daß der Textdas nicht sagt, was sie ihn sagen lassen; um aber den Anschein zuerwecken, als brächten sie Neues, verkehren sie den Wortlaut derHeiligen Schrift. Einige schämen sich sogar schon, die Evangelienanzuführen, und befassen sich nur mehr mit Aristoteles, Averrtfesund Tullius. Der Novellist Franco Sacchetti 42 aus Florenz (f um1399) geißelte die großen Theologen, die in ihren Leichenreden diereichen Wucherer, mochten diese ein noch so gottloses Leben ge-führt haben, mit Lobsprüchen überhäuften und in den Himmelversetzten 43 . Wie Boccaccio im Bruder Cipolla, der den einfältigenLandleuten eine Feder des Erzengels Gabriel und die Kohlen, aufwelchen der heilige Lorenz gebraten wurde, zu zeigen vorgab, die