Druckschrift 
2 (1924) Das Streben
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

DIE SCHOLASTISCHE PREDIGT

665

Autorität erfüllt, die sich im Bereiche der Predigt in einer über-schwänglichen Fülle von Stellen aus der Heiligen Schrift, denKirchenvätern, dem kanonischen Rechte und den berühmtenTheologen, ganz besonders aber auch aus den Büchern der großenPhilosophen, aus Aristoteles, Plato, Cicero, Seneca, Avicenna u. a.kundgab. Das staunenswerte Gedächtnis, über welches manchePrediger verfügten, setzte sie in den Stand, ihre Zuhörer mit sol-chen Aussprüchen geradezu zu überschütten 24 , wie denn der Fran-ziskaner Robert Caracciolo in seinen Predigten 200 und noch mehrStellen anführte,als wenn er ein Buch ablesen würde 25 ". Es warnicht etwa nur Eitelkeit, was die Redner veranlaßte, gelehrtenAussprüchen so breiten Raum einzuräumen; sie wußten, daß siehiermit dem Geschmacke der Hörer entgegenkamen, die darangroßes Gefallen fanden 26 . Von der Schule her gewöhnt, theologi-sche Fragen aller Art an der Hand der alten Philosophie, nament-lich eines Aristoteles, zu erörtern, machten sie auch auf der Kan-zel hiervon den reichsten Gebrauch, wiederum einem Zuge ihrerZeit folgend, die sehr viel Philosophie auf der Kanzel vertrug undhäufig verlangte. Der selige Jordan von Pisa erging sich in seinenflorentinischen Predigten in langen Erläuterungen über Materieund Form, Substanz und Accidenz, Erkenntnisvermögen undSinneswahrnehmung, göttliche Vorherbestimmung und mensch-liche Willensfreiheit und ähnliche philosophische Dinge 27 . Einehervorragende Bedeutung kam den Begriffsbestimmungen, Defini-tionen, zu, denen das größte Gewicht beigelegt wurde; philosophi-sche, theologische, liturgische Fachausdrücke, die im Laufe der Pre-digt vorkamen, wurden sorgfältig erklärt. Jordan von Pisa setzteseinen Zuhörern gewissenhaft auseinander, was man unter Ge-wohnheit, Glaube, Gebet, Taufe, Kommunion, Engel, Evangelium,Märtyrer, Magier zu verstehen habe, und verdolmetschte dieNamen biblischer Personen nicht minder wie die der Wochentageund Monate 28 . Das der Scholastik im Blute liegende Streben,einen Text oder Gedanken in eine Reihe von Sätzen aufzulösenund zu zergliedern, führte zu jener Eigenart der scholastischenPredigt, die schon rein äußerlich am meisten in die Augen sticht,zu ihrer ungemeinen Vorliebe für scharfsinnige Einteilungen, Ab-teilungen und Unterabteilungen, die dem an sich freilich nurlobenswerten Zwecke dienten, dem Grundsatzequi bene distin-

43 Schnitzer, Savonarola