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DER PREDIGER
sagungsvollen Wandels bewiesen 23 . Schon bei Lebzeiten als Hei-lige verehrt, galten sie selbstverständlich als Träger der charis-matischen Gabe der Prophetie und Wunderkraft, wie sie demseligen Johann von Vicenza, dem heiligen Vinzenz Ferrer, demheiligen Bernhardin von Siena, dem heiligen Johann von Capistranund dem seligen Bernhardin von Feltre nachgesagt wurde. Daherwurden sie überall, wo sie sich zeigten, mit grenzenlosem Jubelempfangen. Von weit und breit strömten die Gläubigen herbei undscharten sich um ihre Kanzel, die man oft genug, da selbst die ge-räumigsten Kirchen den Menschenandrang nicht zu fassen ver-mochten, auf öffentlichen Plätzen oder auf freiem Felde aufschla-gen mußte.
Als Bettelmönche außerhalb ihrer Klosterkirchen nur auf be-sondere Einladung und nur zeitweilig mit der Verkündigung desgöttlichen Wortes betraut, hatten es die Wanderprediger nicht wiedie ordentlichen Seelsorger mit der Auslegung der sonntäglichenEvangelien, sondern mit einer ganz bestimmten Aufgabe, der Be-kämpfung der an den Orten ihrer jeweiligen Tätigkeit herrschen-den Laster, zu tun. Durch den Inhalt ward nun auch die Formihrer Rede bedingt, die sich nicht mehr wie der Vortrag des alt-christlichen Bischofs im Rahmen der ehrwürdigen Homilie be-wegte, sondern die Gestalt einer der Einprägung gewisser Glaubens-und Sittenlehren gewidmeten Ansprache, also einer thematischenPredigt, annahm. Da wie der dominikanischen, so der franzis-kanischen Ordensregel zufolge ohne gründliche Studien in denphilosophisch-theologischen Fächern kein Bruder zur Kanzel zu-gelassen werden durfte, so waren die großen Bußprediger, einVinzenz Ferrer, Bernhardin von Siena, Johann von Capistran, Ro-bert Caracciolo, Gabriel Barletta, immer auch wohlgeschulte Theo-logen, und das hieß wohlgeschulte Scholastiker, es kann dahernicht überraschen, wenn die Licht- und Schattenseiten der Scho-lastik auch die Licht- und Schattenseiten der scholastischen Pre-digt ausmachten. Vom lebhaften Gefühle der Unzulänglichkeitdes eigenen Lichtes und der Notwendigkeit seiner Unterordnungunter eine höhere Leuchte getragen und von dem an sich nur löb-lichen, weil von ehrlicher Gewissenhaftigkeit eingegebenen Stre-ben geleitet, keine Behauptung zu wagen und keinen Satz aufzu-stellen, ohne dafür die Deckung eines großen Namens zu haben,war der Scholastiker von außerordentlicher Hochschätzung der