mma
662
DER PREDIGER
gestimmten Menge zu sprechen, nahm der Prediger im ausschließ-lichen Besitze der Zaubergewalt des lebendigen Wortes eine Stel-lung ein und vermochte einen Einfluß zu üben, die ihresgleichennicht hatten. Aus dem Volksmanne ward so wie von selbst derV'olksberater und Führer. So entfaltete der Dominikaner Johannvon Vicenza (f 1281) durch die hinreißende Macht seines gott-gesegneten Wortes eine großartige Wirksamkeit, indem er nichtbloß Frieden und Eintracht zwischen den haßerfüllten Gemüternherstellte, sondern auch in verschiedenen Städten die Verfassungneu ordnete und Gesetze zur Besserung der Sitten erließ 10 . DerAugustiner Jakob Bussolari entflammte das Volk von Pavia zumWiderstände gegen die tyrannischen Beherrscher der Stadt, dieBeccaria, ein Wagnis, das er mit lebenslänglicher Kerkerhaftbüßte (1356) 11 . In solchen Fällen, die sich an den verschiedenstenOrten wiederholten, nahm der Prediger die Eigenschaft einesStaatsmannes an, der, mit politischen Aufträgen betraut, zu schwie-rigen Gesandtschaften und verwickelten Geschäften erkorenwurde. Der Dominikaner Remigius von Florenz, ein ZeitgenosseDantes, bekleidete in seiner Vaterstadt, in der er sich als Predigerdes größten Ansehens erfreute, öffentliche Gesandtschaften undverschiedene Gemeindeämter 12 . Ebenso wurde der als Predigerberühmte Franziskaner Johann von Serravalle, der auch eine aus-führliche Erläuterung zu Dantes göttlicher Komödie schrieb, vonder Stadt Perugia mehrmals mit wuchtigen Ämtern betraut 13 , nichtminder war der heilige Vinzenz von Ferrer in politischen Dingentätig 14 . Der heilige Bernhardin von Siena predigte auf besonderenWunsch der obersten Stadtbehörde seiner Heimat wiederholt imPalaste und nahm wie hier so in Perugia eine Reform der Ge-meindesatzungen vor, die sich keineswegs nur auf das religiös-sittliche Gebiet beschränkte 15 . Der außerordentlichen Verdienste,welche sich besonders die Franziskaner um die Besserung derDarlehensverhältnisse durch Gründung städtischer Leihhäuser er-warben, wurde bereits gedacht; aber auch andere Wohlfahrts-anstalten erfuhren durch die Prediger kräftige Unterstützung, wiedenn die Städte Como und Mailand der Predigt des MinoritenMichael von Carcano die Errichtung bzw. Erweiterung großerSpitäler verdankten 16 .
Auf ihrem eigensten Gebiete bewegten sich die Prediger, wennsie die herrschenden Mißbräuche und Laster geißelten. Mit un-