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DER PROPHET
lung zu Trient Tatsache, wenn auch nicht ganz in seinem Sinne,da der ersehnte Engelspapst nicht erschien und die apostolischeArmut und Einfachheit ausblieb.
Savonarola schnitt mit seiner Prophetie zu vielen Menschen zutief ins Fleisch, als daß er nicht auf heftigen Widerspruch hättestoßen sollen. Dieser versetzte ihn zwar eine Zeitlang in Mut-losigkeit und Verwirrung 92 , veranlaßte ihn aber auch zu wieder-holter ernstlicher Selbstprüfung, von welcher seine beiden Schrif-ten: „Abriß der Offenbarungen" und „Über die Wahrheit derProphetie" Zeugnis ablegen. Je mehr er sich jedoch erforschte,desto mehr überzeugte er sich von der Göttlichkeit seiner Sendung.Warum, so fragte er sich 93 , sollte Gott denn gerade dich zum He-rolde seines Willens auserwählt haben? Allein, gab er zur Ant-wort, warum sollte er mich nicht dazu erkoren haben? Die Pro-phetie ist eine Gratia gratis data, die auch Sündern verliehenwerden kann. Warum erw T ählte Gott einen Petrus, der ihn ver-leugnete, einen Paulus, der ihn verfolgte, einen Sünder wie Ba-laam? Einer der Hauptgründe, die in seinen Augen für den gött-lichen Ursprung seiner Prophetie sprachen, lag in der Reinheitund Lauterkeit seines Lebens und Strebens. Er wußte sich freivon allen selbstsüchtigen Absichten, von aller Gier nach Besitz,Ruhm und Würden 94 . Wohl verkannte er nicht, daß selbst einwirklicher Prophet der Täuschung zum Opfer fallen könne; aber,sagte er sich 9 "', wenn jemand rechtschaffen und gottesfürchtig lebt,so wird er von der Gnade erleuchtet, die nicht zulassen kann, daßein Mann, der täglich in heißem Gebete um alles zum Heile Nötigefleht und ringt, auf die Dauer dem Irrtume und teuflischer Ver-blendung anheimfällt und auch andere ins Verderben mit fort-reißt. Wo wäre denn da Gottes Güte? Er, der doch für alle ge-storben ist und die Gebete seiner Getreuen erhört, kann so vieleehrliche Leute, die ihm in Herzenseinfalt anhängen, nicht schnö-dem Truge überantworten, sonst geriete ja der Glaube selbst inGefahr, der ohnehin schon aufs stärkste bedroht ist. Wer bürgtmir jedoch, fragte sich der Frate weiter 96 , dafür, daß ich nicht dasOpfer feinen Selbstbetruges bin, wenn ich mich im Besitze beson-derer göttlicher Erleuchtung glaube? Wähnen doch auch Nacht-wandler zu wachen, obschon sie in Wirklichkeit schlafen. Wiekann man aber, erwiderte er, wissen, ob man wacht oder schläft?Doch offenbar nur auf Grund seines Selbstbewußtseins. Selbst