Druckschrift 
2 (1924) Das Streben
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

EHRLICHKEIT DER PROPHETISCHEN ÜBERZEUGUNG 647

Kirche war daher der Glaube an die Bekehrung der Heiden vonselbst gegeben. Wenn sich nun auch der Frate in manchen wich-tigen Stücken seiner Voraussagung, namentlich in der von ihm inAnspruch genommenen genauen Kenntnis des Jahres und Tagesder Taufe der Türken, tatsächlich getäuscht hat, so liegt hierindoch noch lange kein Beweis gegen die Echtheit und Aufrichtigkeitseiner prophetischen Überzeugung. Derselbe Einwand ließe sichja auch gegen die biblische Prophetie erheben, die sich, wie selbstvon kirchlicher Seite zugegeben wird 71 , ebenfalls nicht in allenFällen bewährte; selbst Christus der Herr hatte seine Erscheinungzum letzten Gerichte noch für die Lebenszeit seiner Jünger insichere Aussicht gestellt (Mc. 13, 30; Mt. 16, 28; Lc. 21, 32 u. ö.),und doch blieb sie aus. Auch die Weissagungen der Heiligen trafennicht immer ein. Der heilige Bernhard und der heilige VinzenzFerrer hatten sogar Wunder zur Bekräftigung ihrer Prophetiengewirkt, die sich dann gleichwohl nicht erfüllten 72 . Das beredtesteZeugnis legte für die Prophetie des Frate seine ganze Zeit selbstab mit der maßlosen Spannung, die wie eine dumpfe, unerträg-liche Gewitterschwüle auf der Christenheit lagerte. Dennderechte Prophet kann eben nur da auftreten, wo gewaltige, die Ge-müter ergreifende religiöse Bewegungen und nationale Ereignissein geistig hervorragenden Persönlichkeiten jene abnorme Gesamt-erregung des seelischen Lebens entstehen lassen, die dann als eineBegleiterscheinung zugleich die Steigerung der Sinnesfunktionenmit sich führt, aus der die Wachvision hervorgeht 73 ". Jip *\Jtt

So nahmen denn auch die Zeitgenossen an den prophetischenAn- und Aussprüchen des Frate, soweit sie sich von ihnen nichtirgendwie persönlich bedroht fühlten, nicht nur keinen Anstoß,sondern spendeten ihnen im Gegenteil lebhaftesten Beifall; selbstAlexander VI. hätte ihn niemals zum falschen Propheten gestem-pelt, wenn er ihn für sich hätte ködern können. Selbst die be-wunderten Leuchten der humanistischen Wissenschaft fanden imHinblicke auf das heidnische Orakelwesen das Auftreten christ-licher Seher ganz in der Ordnung. Im vollen Einklänge mit demFrate erklärte Nikolaus Machiavelli 71 , ehe einer Stadt großes Un-glück zustoße, werde dies, wie Beispiele aus alter und neuer Zeitlehrten, durch Vorzeichen oder gottgesandte Menschen voraus-verkündigt. Der Humanist Bartholomäus Scala, gewiß kein Fra-tesche, gab den Leuten, welche die Florentiner ob ihres Glaubens