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2 (1924) Das Streben
Entstehung
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DER PROPHET

ausdrücklich heiße:Wenn die Prophetie ausbleibt, so ist diesder Untergang des Volkes" (Spr. 29, 18). Wohl sind, sagte er, diekirchlichen Oberen mit den zur Leitung der Gläubigen nötigenordentlichen Amtsgnaden ausgestattet. Es können jedoch außer-ordentliche Verhältnisse eintreten, in welchen sie außerordent-licher Erleuchtung bedürfen, die zugleich der klarste Beweis dergöttlichen Vorsehung und Barmherzigkeit ist. Die Menschen ver-lernen es nur zu leicht, das Wirken Gottes schon aus dem ge-wöhnlichen Naturlaufe zu entnehmen. Aus dieser Gleichgültigkeitwerden sie durch die Wahrnehmung aufgerüttelt, daß sich Dinge,die im Auftrage Gottes vorhergesagt waren, nach hundert, jatausend Jahren erfüllten, also nicht ein Spiel des Ungefährs,sondern göttlicher Fügung waren 25 . Die Prophetie bestärkt daherdie Wahrheit des Glaubens, tröstet die Gläubigen in den öffent-lichen Trübsalen und beschämt die Gottlosen. Wenn nun dieVäter der alten Zeit Gesichte und Offenbarungen hatten, warumsollte Gott sie seiner Kirche nunmehr vorenthalten? Warumsollte er uns schlechter stellen als unsere Ahnen? Warum sollteer, der sich für uns kreuzigen ließ, nicht auch mit uns sprechen?Es fehlt freilich nicht an Leuten, welche der Lehre des heiligenThomas zuwider 26 behaupten, ja predigen, seit den Zeiten derApostel sei die Prophetie in der Kirche erloschen 27 . Wer solcheslehrt, verdient als Ketzer verbrannt zu werden. Trug nicht derheilige Bernhard viele Weissagungen vor, und versicherte nichtder heilige Franz v. Assisi, seine Regel von Christus empfangenzu haben? 28

Je höher die Auffassung des Frate von der Wichtigkeit der pro-phetischen Sendung im Rahmen der göttlichen Weltordnung war,um so mehr suchte er in das Wesen der prophetischen Offen-barung und der Art und Weise ihrer Verwirklichung einzudringen.Die biblischen Bücher sowie die bewährtesten kirchlichen Lehrery.JLf t waren hierbei seine Führer 29 . Die Hauptaufgabe der Prophetie er-

blickte er in der Weissagung der Zukunft. Der Prophet ist einSeher, der Dinge sieht, die der natürlichen Erkenntnis der Ge-schöpfe entrückt sind, nämlich die frei zukünftigen Ereignisse,futura contingentia, die vom freien Willen des Menschen ab-hängen und daher ebenso eintreten wie nicht eintreten können.Aller geschöpflichen Erkenntnis enthoben, sind sie nur Gott be-kannt, vor dem es weder eine Vergangenheit noch eine Gegen-