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DER PROPHET
Savonarola fand demnach den Boden wohl vorbereitet, als erzu Florenz mit seiner prophetischen Predigt begann. Nicht nurnach der formellen Seite hin, soweit die Möglichkeit und Ange-messenheit einer Voraussagung künftiger Ereignisse in Fragekam, vermochte er an längst eingebürgerte Vorstellungen anzu-knüpfen, auch den allgemeinen Inhalt seiner Verkündigungkonnte er aus den landläufigen Weissagungen schöpfen. Dochversicherte er, an solchen Dingen niemals Gefallen gefunden undvon den Offenbarungen der heiligen Brigitta nichts, von denendes Abtes Joachim nur ganz wenig gelesen zu haben 20 . Nicht alsob er die Aussprüche heiliger Männer und Frauen über die künf-tigen Geschicke der Menschheit mißachtet hätte. Auch er sah inden Schriften eines heiligen Benedikt, eines Vinzenz Ferrer, einerKatharina von Siena, einer Brigitta und unzähliger anderer Heili-gen göttliche Offenbarungen, nur vermißte er in ihnen jenen Gradunumstößlicher Sicherheit, den ihm nur die von der Kirche alskanonisch erklärten Bücher zu gewähren vermochten 21 . SeineQuelle war die Heilige Schrift selbst, der große Schatz und dieLeidenschaft seines Lebens. Mit unwiderstehlicher Gewalt fühlteer sich namentlich von den alttestamentlichen Propheten gefesselt;im ständigen Verkehre mit ihnen ward er selbst zum Propheten.In vollen Zügen sog er ihren Geist ein, ihnen entnahm er diefesten Grundsätze, die sein Handeln bestimmten, die entscheiden-den Richtlinien, die den Ausschlag für seine Wirksamkeit gaben.Über die Psalmen, über den Propheten Aggäus, über Arnos, überEzechiel, über Ruth und Micbeas, über den Auszug aus Ägyptenunter Führung des Moses, des größten unter allen Propheten, hielter lange Reihenfolgen von Predigten für das Volk, in Vorträgenfür seine Mitbrüder erklärte er die Klagelieder des Jeremias unddie Propheten Jonas und Habakuk. Seine ganze Predigt wardurch die Propheten bestimmt. Der Ruf zur Buße und sittlichenUmkehr, Kern und Stern aller prophetischen Predigt 22 , bildeteden Inbegriff seiner Verkündigung. Das unerhört Neue der pro-phetischen Forderung, die Aufstellung eines höheren, würdigerenGottesbegriffes, die eindringliche Hervorhebung der sittlichen Per-sönlichkeit Gottes, seiner unbestechlichen Heiligkeit und Gerech-tigkeit, die unnachsichtige Verurteilung aller äußeren, auf Beein-flussung der Gottheit abzielenden Künste und Mittel machte auchdas Neue an der Predigt des Frate aus. Gleich den Propheten