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DER BETER UND MYSTIKER
Da es nun besonders in der Laienwelt nicht an Stimmen fehlte,die nur das mündliche Gebet gelten ließen, das geistige aber füreine Sache der Mönche erklärten, welche die Weltleute nichtsangehe, so trat der Frate in seiner „Abhandlung zur Ver-teidigung und Empfehlung des geistigen Ge-bete s 40 " einem solchen Irrtume entgegen. Er beklagte es alstrauriges Zeichen der Zeit, daß das christliche Volk nun schon sosehr dem äußerlichen Gottesdienste, den Zeremonien und Ge-sängen verfallen sei, daß es wähne, die Religion erschöpfe sichin Psalmenableiern und Wortgeplapper, und sich ein anderes Ge-bet nicht mehr vorstellen könne. Und doch sei das mündliche Ge-bet so wenig allein zulässig, daß es im Gegenteile ohne das geistigeüberhaupt keinen Wert habe. Im Einklänge mit den Geistes-lehrern früherer wie späterer Zeit 41 , namentlich einem heiligenAugustin und Thomas v. Aquin, lehrte der Frate, das mündlicheGebet sei zur Vorbereitung auf das geistige zwar nützlich, dürfe,ja müsse aber diesem zuliebe unter Umständen eingeschränktwerden, denn das geistige Gebet stehe jedenfalls höher, weil esdie Seele enger mit Gott verknüpfe und dem Geiste besser ent-spreche, dem der Vorrang über den Leib gebühre. So wenig wieim mündlichen brauche man im geistigen Gebete die Tränen derAndacht oder den Wohlgeschmack und die Eingebungen des Hei-ligen Geistes zu fliehen, denn das Gebet sei ein Aufstieg der Seelezu Gott, um sich mit ihm zu vereinigen, und in dieser Liebes-umarmung stellten sich die Gaben Gottes von selbst ein. Wennman solche geistige Tröstungen auch nicht an erster Stelle er-streben dürfe, so sei es doch auch kein Übel, sie zu ersehnen, umGott desto eifriger zu dienen. Als Mittel zur Vorbereitung auf dasinnere Gebet sah mit den Geistesmännern vor wie nach ihm auchder Frate die geistliche Lesung an 42 , näherhin die Lesung derHeiligen Schrift 43 . Er empfahl sie daher wiederholt nachdrück-lich, besonders in dem „Schreiben über die geistlicheL e s u n g 44 ", das er am 17. Oktober 1497 an die Schwestern vomDritten Orden des heiligen Dominikus im Kloster S. Vinzenz zuFlorenz, genannt Annalena, richtete. Der liest, legte er den Non-nen ans Herz, die heiligen Dinge vergeblich, der sein Herz nichtso reinigt, daß der Heilige Geist hineinschreiben kann. Wer in dergeistlichen Lesung Fortschritte machen will, der muß sein Herzvon aller Sünde läutern und stets zuvor um göttliche Erleuchtung