87
wiesen, zunächst den deutschen Fürsten gegenüber weder dasdeutsche noch das polnische Projekt, ja nicht einmal die englischeHeiratsache weiter zur Sprache zu bringen. Dass die Regierungvollends erklärte in Sachen des Prinzen von Oranien sich ganz nachden deutschen Fürsten richten zu wollen, ist ein weiterer Belegdafür, wie kühl man in Paris damals die diplomatischen Beziehungenzu den protestantischen Reichsständen auffasste. Aber in den neuenVerhandlungen mit dem französischen Agenten kam der Landgraf,so entrüstet er auch das Anerbieten französischer Hülfstruppenverwarf, selbst wieder auf jenen verfänglichsten Punkt; er wiesdarauf hin, dass der König, wenn er die freilich mehr als beschei-denen deutschen Vorschläge zu einer Correspondenz verschmähe,damit auch auf jenen „höheren Gewinn" verzichte, nach dem seineVorfahren längst sehnlich gestrebt und gerungen hätten. Und diepolnischen Pläne, die Schomberg doch verlauten Hess, ergriff ermit beiden Händen; er meinte, die Sache des „Rivalen" stehe imReich eben so schlecht wie in Polen. 1 )
Während in Cassel noch hin und her geredet wurde, war inParis die furchtbare Blutarbeit der Bartholomäusnacht bereits voll-endet. Die bange Unentschiedenheit der letzten Jahre schien durcheinen rasenden Gewaltstreich für immer beseitigt, jede fernere Ge-meinschaft zwischen den Ketzern und ihren Henkern undenkbar ge-worden zu sein.
Die immer noch schwebende Frage, ob die Bluthochzeitdie Frucht eines Jahrelang festgehaltenen und mit allen Mittelnder entsetzlichsten Verstellung durchgeführten Plans gewesen seioder nicht, kann hier nicht ausgetragen werden. Dass die Medi-cäerin mit dem Gedanken einer „bella Vendetta" wohl vertrautwar, steht ausser Zweifel. Dass sie aber keineswegs unterspanischem und guisischem Regiment leben wollte und dass dieseit 1570 eingeschlagene Richtung der Politik in manchen Punktenihren persönlichen Wünschen entsprach, lässt sich ebensowenigläugnen. Ihre „innere Zweizüngigkeit", wie sie Ranke unübertreff-lich charakterisirt hat, bietet eine höchst ansprechende psycholo-gische Lösung des unheimlichen Rätsels, während die Annahmeeines längeren Vorbedachts nicht nur moralische, sondern auch po-litische Ungeheuerlichkeiten in sich schliesst, abgesehen von dem
1) Schombergs Instruktion vom 10. August und Berichte aus Kassel29. Aug. 1572 bei NoaiUes III, 286 ff.