Druckschrift 
1 (1882) 1576 - 1582
Entstehung
Seite
74
Einzelbild herunterladen
 

74

Der Kaiser hatte also seine Reaktionsgelüste gegen Pfalz immernoch nicht vergessen, so freundlich er auch während des Reichstagsin Heidelberg und in Speier mit dem Kurfürsten und dessen Fa-milie verkehrte.

Zum letzten Mal traten die deutschen Protestanten der er-kannten Gefahr einmütig entgegen. Sie wollten, wie ein Gesandterberichtet, durchaus nicht zugeben,dass die deutsche Libertät der-gestalt eingepfercht und eng gespannt werde", und beschränktensich auf den nichtssagenden Beschluss, dass fremde Kriegswerbungennicht ohneAnsuchung", d. h. Anzeige beim Kaiser stattfindendürften. Auch nach aussen dokumentirten die protestantischenFürsten noch einmal ihre Zusammengehörigkeit, indem sie auf An-regung eines hugenottischen Gesandten eine Legation nach Frankreichabfertigten, um den jungen König zu seiner Vermählung und zurHerstellung des Friedens zu beglückwünschen. 1 ) Dagegen wurdenamentlich durch die grosse Vorsicht Kursachsens die Erörterungreligiöser Beschwerden auf dem Reichstag selbst möglichst be-schränkt. "Wie der Kaiser jenen bedenklichen Artikel der Propositionnicht einverleibt hatte, so unterblieb von Seiten der Evangelischender grosse Angriff auf den geistlichen Vorbehalt, den die Katho-liken erwartet hatten. 2 ) Zugleich schien auf dem gefährlichen Ge-biet der protestantischen Dogmatik eine gemässigte Richtung überdie rücksichtslose Einseitigkeit der Zeloten triumphiren zu sollen;eben war ein Versuch des Würtembergers Andrea Kursachsen undHessen unvermerkt in eine strenger lutherischeConcordie" zuziehen gescheitert. 3 ) Die weimarischen Flacianer standen unterihren Confessionsgenossen schlimmer isolirt als die calvinistischenHeidelberger.

In eine höchst eigentümliche Lage war damals der Kaisernicht nur den Protestanten, sondern mehr noch der römischen Curiegegenüber geraten. Während die Ersteren seine Anträge zu Fallbrachten, sah er sich doch wieder an ihre Seite gedrängt. Papst

ein allgemeine vergleichung doch unter den stenden A. C. ein beständigechristliche einigkeit angestellet" (Neudecker II, 235). Die Heidelbergeraber, die eben damals ihren Calvinismus durch Einführung der Kirchen-zucht nach französisch-niederländischem Muster recht auffällig betätigten,hätten natürlich in dieser Concordie keinen Platz gefunden.

1) Koch II, 90/1.

2) Granvela an Philipp, 25. April 1570 (Gachard II, 128). Das Protokollüber die Sonderberatungen der Evangelischen zu Speier Ma. 544/8.

3) Heppe II, 330 ff.