Es ist ein hinreißender Umgang, dieser Drang nach Belehrung, dies Erfassen,dies Erbeben und Erglühen ist mir nie so rückhaltlos schön zuteil geworden.Und dann diese liebliche Sorge um mich, diese reizende Keuschheit des Herzens,jeder Miene, wenn er mir sein Glück versichert, mich zu besitzen. So sitzenwir oft stundenlang da, einer in den Anblick des andern verloren." Als schonder Rausch des Glücks vorüber ist, schreibt er doch wieder: „Gestern, wo wirdie Vollendung und Aufführungen meiner Nibelungen festsetzten, war ichdoch vor Erstaunen über das Wunder des himmlischen königlichen Jünglingsso ergriffen, daß ich nahe daran war, vor ihm hinzusinken und ihn anzubeten."Um den Glauben an den edlen Jüngling auszudrücken, nennt man ihn inWagners engstem Kreise „Parzival". —- —
Ludwigs Krankheit ist Flucht vor der Wirklichkeit, die sein Wesen so feind-lich bedroht, Rettung in den Traum, als aber die Wirklichkeit ihm als Thron-entsetzung droht, beurteilt er sie bis zuletzt richtig. Er weist die Flucht überdie nahe Grenze ab, er ruft den ihm gewogenen Bismarck an — dann zieht erden Tod der Abdankung und Entmündigung vor: bis zum Tode die gleichestolze Königsleidenschaft wie im Knaben. Seinem Wahn, seiner Verkennungder Wirklichkeit lag selbst in den grotesken Ausschreitungen noch die ihmeingeborene Idee, die durch äußere Bedingtheit beengte majestätische Fülledes Menschen zugrunde, und wenn er in den Wahn flüchtete, so gleicht erdarin Lear, dessen Wahn auch königlicher ist, als ein zweckmäßiges Ver-handeln mit den Töchtern gewesen sein würde. Eben das Abreißen dermenschlichen Bindungen durch die „Krankheit" ermöglicht, daß die Ideeunvermischt, gewaltig, wenn auch oft verzerrt zum Ausdruck kommt. Soist Ludwig eine mythische Gestalt — nicht als Heros seines Zeitalters,sondern als Verleiblichung einer vom Zeitalter zertretenen, aber ewigen
Kraft.--------
Es schien ein Wunder: der Jüngling, bezaubernd durch Schönheit, Würde,Geist, hat sich von selbst ganz dem Werke Wagners hingegeben — und un-erwartet empfängt er die königliche Macht, um dessen Pläne verwirklichenzu können. Man muß weit in der Geschichte zurückgreifen, um vielleicht inPlato und Dion ein Vorbild zu finden.
Wagner war sich der Bedeutung dieses Erlebnisses wohl bewußt. Nicht wiebisher sollte er den Heros in der Kunst suchen, nicht nur sein Theater ver-wirklichen, er sollte der deutschen Nation, der Geschichte den wirklichen Herosformen. „Gott — wenn der gedeiht und gerät 1 Dann endlich hat die deutscheNation einmal das Vorbild, dessen sie bedarf — ein anderes als Friedrich II.l"ruft er aus. Zwei gewaltige Aufgaben sind in Wagners Hand vereinigt: dieVerwirklichung seiner Kunst im Theater und die Gestaltung Ludwigs. Derersten Auf gäbe hat er sich mit unerhörter Willenskraft hingegeben, die zweitehat er ganz vernachlässigt. Er schwärmt für den König als für das Werk-zeug seiner theatralischen Sendung, und die Begeisterung, in der er nahedaran ist, vor ihm anbetend niederzufallen, entspringt der Bereitschaft desKönigs, Sempers Baupläne für ein Richard Wagner-Theater auszuführen.Für Plato war Dion der künftige Träger der Idee, der Thronerbe, der Mensch,der Geliebte, für Wagner war Ludwig das Werkzeug. Er war geistvoll genug,
224