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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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3. LOBREDEN

SHAKESPEARE DER DICHTER

Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Bewußtsein eignerGesinnungen und Gedanken, das Erkennen seiner selbst, welches ihm die Ein-leitung gibt, auch fremde Gemütsarten innig zu erkennen. Nun gibt es Men-schen, die mit einer natürlichen Anlage hierzu geboren sind und solche durchErfahrung zu praktischen Zwecken ausbilden. Hieraus entsteht die Fähig-keit, der Welt und den Geschäften im höheren Sinn etwas abzugewinnen.Mit jener Anlage nun wird auch der Dichter geboren, nur daß er sie nicht zuunmittelbaren, irdischen Zwecken, sondern zu einem höheren, geistigen, all-gemeinen Zweck ausbildet. Nennen wir nun Shakespeare einen der größtenDichter, so gestehen wir zugleich, daß nicht leicht jemand die Welt so gewahrtewie er, daß nicht leicht jemand, der sein innres Anschauen aussprach, denLeser in höherem Grade mit in das Bewußtsein der Welt versetzt. Sie wirdfür uns völlig durchsichtig: wir finden uns auf einmal als Vertraute der Tu-gend und des Lasters, der Größe, der Kleinheit, des Adels, der Verworfenheit,und dieses alles, ja noch mehr, durch die einfachsten Mittel. Fragen wir abernach diesen Mitteln, so scheint es, als arbeite er für unsre Augen; aber wir sindgetäuscht: Shakespeares Werke sind nicht für die Augen des Leibes. Ich willmich zu erklären suchen.

Das Auge mag wohl der klarste Sinn genannt werden, durch den die leichtesteÜberlieferung möglich ist. Aber der innere Sinn ist noch klarer, und zu ihmgelangt die höchste und schnellste Überlieferung durchs Wort; denn diesesist eigentlich fruchtbringend, wenn das, was wir durchs Auge auffassen, anund für sich fremd und keineswegs so tiefwirkend vor uns steht. Shakespearenun spricht durchaus an unseren innern Sinn; durch diesen belebt sich zugleichdie Bilderwelt der Einbildungskraft, und so entspringt eine vollständige Wir-kung, von der wir uns keine Rechenschaft zu geben wissen; denn hier liegteben der Grund von jener Täuschung, als begebe sich alles vor unsern Augen.Betrachtet man aber die Shakespeareschen Stücke genau, so enthalten sie vielweniger sinnliche Tat als geistiges Wort. Er läßt geschehen, was sich leichtimaginieren läßt, ja was besser imaginiert als gesehen wird. Hamlets Geist,Macbeths Hexen, manche Grausamkeiten erhalten ihren Wert erst durch dieEinbildungskraft, und die vielfältigen kleinen Zwischenszenen sind bloß aufsie berechnet. Alle solche Dinge gehen beim Lesen leicht und gehörig an unsvorbei, da sie bei der Vorstellung lasten und störend, ja widerlich erscheinen.Durchs lebendige Wort wirkt Shakespeare, und dies läßt sich beim Vorlesenam besten überliefern; der Hörer wird nicht zerstreut, weder durch schick-liche noch unschickliche Darstellung. Es gibt keinen höheren Genuß undkeinen reineren, als sich mit geschloßnen Augen durch eine natürlich rich-tige Stimme ein Shakespearesches Stück nicht deklamieren, sondern rezi-tieren zu lassen. Man folgt dem schlichten Faden, an dem er die Ereignisse ab-spinnt. Nach der Bezeichnung der Charaktere bilden wir uns zwar gewisseGestalten, aber eigentlich sollen wir durch eine Folge von Worten und Reden

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