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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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2. VORBILDER

NACHAHMUNG ALS GRUND DER DEUTSCHEN UNIVERSALITÄT

Wir wachten auf, da es allenthalben Mittag war und bei einigen Nationen sichgar schon die Sonne neigte. Wir kamen zu spät.

Und weil wir so spät kamen, ahmten wir nach, denn wir fanden viel Vortreff-liches nachzuahmen. Franzosen, Spaniern, Italienern, Briten, selbst Hol-ländern ahmten wir nach und wußten nie recht, wozu und weswegen. Unserverdienter Opitz war mehr Übersetzer als Dichter. In Weckherlin und anderenist der größte Teil fremdes Gut. So sind wir fortgeschritten; und wer ahmtuns nach? Wenn in Italien die Muse singend konversiert, wenn sie in Frank-reich artig erzählt und vernünftelt, wenn sie in Spanien ritterlich imaginiert,in England scharf- oder tiefsinnig denkt, was tut sie in Deutschland? Sie ahmtnach, Nachahmung wäre also ihr Charakter, eben weil sie zu spät kam. DieOriginalformen waren alle verbraucht und vergeben.

So übel stehts nicht mit der deutschen Muse. Es ist vielleicht der Hauptfehlerunsrer Nation, daß sie aus zu großer Gefälligkeit gegen Fremde sich selbstnicht kennt und achtet.

Wahr ists, wir kamen spät; desto jünger aber sind wir. Wir haben noch vielzu tun, indes andre ruhn, weil sie das Ihrige geleistet haben.Und waren wir in jenen Zeiten müßig? Nichts weniger; durch andere, viel-leicht wichtigere Geschäfte wurden wir von einer Bahn zurückgehalten, dieuns immer noch blieb. Für ganz Europa standen wir damals vor dem Riß,sowohl gegen Roms Despotie, als gegen eindringende Hunnen und Tataren.Daß Europa nicht zum Kaimuckenlande oder zur Türkei ward, haben Deutscheverhindert; Raum zu dem friedlichen Garten, den die Musen lieben, habensie mit ihrem Blut erfochten.

Unsre Sprache ist im Besitz älterer Poesie, als deren sich Spanier, Italiener,Franzosen und Briten rühmen können; einzig nur unsere Verfassung warschuld, daß wir jahrhundertelang dies Feld ungebauet ließen. Endlich, dadie Reformation aus unserer Mitte hervorbrach und uns nach vielem andernUngemach mit dem Dreißigjährigen Kriege eine fast allgemeine Verwüstungund die so gefählriche Bekanntschaft mit fremden Nationen auf den Hals zog, müssen wir, wenn wir die Geschichte Deutschlands durchgehn, uns nichtwundern, daß noch so viel ward, als geworden ist?

Denn nun reiseten die Fürsten, die Edlen. Sie staunten das Ausland anund sprachen, lasen, schrieben fremde Sprachen. Und unsere gutherzigenDichter freueten sich jeder Sonne, die aufging, fanden sich geehrt, wenn sieGesänge auch nur zueignen durften, ohne daß sie gelesen wurden. In Sieben-bürgen dichtete der gute Opitz, Weckherlin in England und Frankreich,Flemming am Kaspischen Meer, deutsche Gedichte, niemand dankte es ihnen,daß sie es taten. Und wer dankte es dem Andreas Gryphius, dem von Lohen-stein, daß sie unter ihrer Bürde bürgerlicher Geschäfte für Sprache und Poesiedas taten, was sie getan haben?

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