Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
1
Einzelbild herunterladen
 

STAATLICHE GRUNDKRÄFTEi. VOLKSTUM UND GESCHICHTLICHES ERBE

BEWAHRUNG DEUTSCHEN WESENS GEGEN ROM

Die Verheißung eines Lebens auch hienieden über die Dauer des Lebenshienieden hinaus allein diese ist es, die bis zum Tode fürs Vaterland be-geistern kann.

So ist es auch bisher gewesen. Wo da wirklich regiert worden ist, wo be-standen worden sind ernsthafte Kämpfe, wo der Sieg errungen worden istgegen gewaltigen Widerstand, da ist es jene Verheißung ewigen Lebens ge-wesen, die da regierte und kämpfte und siegte.--------

In diesem Glauben setzten unsere ältesten gemeinsamen Vorfahren, dasStammvolk der neuen Bildung, die von den Römern Germanier genanntenDeutschen, sich der herandringenden Weltherrschaft der Römer mutig ent-gegen. Sahen sie denn nicht vor Augen den höheren Flor der römischenProvinzen neben sich, die feinern Genüsse in denselben, dabei Gesetze, Richter-stühle, Rutenbündel und Beile in Überfluß? Waren die Römer nicht bereit-willig genug, sie an allen diesen Segnungen teilnehmen zu lassen? Erlebtensie nicht an mehreren ihrer eigenen Fürsten, die sich nur bedeuten ließen,daß der Krieg gegen solche Wohltäter der Menschheit Rebellion sei, Beweiseder gepriesenen römischen Klemenz, indem sie die Nachgiebigen mit Königs-titeln, mit Anführerstellen in ihren Heeren, mit römischen Opferbinden aus-zierten, ihnen, wenn sie etwa von ihren Landsleuten ausgetrieben wurden,einen Zufluchtsort und Unterhalt in ihren Pflanzstädten gaben? Hatten siekeinen Sinn für die Vorzüge römischer Bildung, zum Beispiel für die bessereEinrichtung ihrer Heere, in denen sogar ein Arminius das Kriegshandwerkzu erlernen nicht verschmähte? Keine von allen diesen Unwissenheiten oderNichtbeachtungen ist ihnen aufzurücken. Ihre Nachkommen haben sogar,sobald sie es ohne Verlust für ihre Freiheit konnten, die Bildung derselben sichangeeignet, inwieweit es ohne Verlust ihrer Eigentümlichkeit möglich war.Wofür haben sie denn also mehrere Menschenalter hindurch gekämpft imblutigen, immer mit derselben Kraft sich wieder erneuernden Kriege? Einrömischer Schriftsteller läßt es ihre Anführer also aussprechen: Ob ihnendenn etwas anders übrigbleibe, als entweder die Freiheit zu behaupten oderzu sterben, bevor sie Sklaven würden? Freiheit war ihnen, daß sie ebenDeutsche blieben, daß sie fortführen, ihre Angelegenheiten selbständig undursprünglich ihrem eigenen Geiste gemäß zu entscheiden und diesem gleich-falls gemäß auch in ihrer Fortbildung vorwärts zu rücken, und daß sie dieseSelbständigkeit auch auf ihre Nachkommenschaft fortpflanzten; Sklavereihießen ihnen alle jene Segnungen, die ihnen die Römer antrugen, weil sie da-bei etwas anderes denn Deutsche, weil sie halbe Römer werden müßten, esverstehe sich von selbst, setzten sie voraus, daß jeder, ehe er dies werde,

I Wolters, Der Deutsche. IV, 1.