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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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3. LEIB UND GEIST

ERZEUGUNG DER VATERLÄNDISCHEN KUNST AUS DEM GEISTE

Die Kunst entspringt nur aus der lebhaften Bewegung der innersten Gemüts-und Geisteskräfte, die wir Begeisterung nennen. Alles, was von schweren oderkleinen Anfängen zu großer Macht und Höhe herangewachsen, ist durch Be-geisterung groß geworden. So Reiche und Staaten, Künste und Wissenschaften.Aber nicht die Kraft des Einzelnen richtet es aus, nur der Geist, der sich imGanzen verbreitet. Denn die Kunst insbesondere ist, wie die zartem Pflanzenvon Luft und Witterung, so von öffentlicher Stimmung abhängig, sie bedarfeines allgemeinen Enthusiasmus für Erhabenheit und Schönheit, wie jener,der in dem Medicäischen Zeitalter gleich einem warmen Frühlingshauch alledie großen Geister zumal und auf der Stelle hervorrief, einer Verfassung, wiesie uns Perikles im Lob Athens schildert; wo jede Kraft freiwillig sich regt,jedes Talent mit Lust sich zeigt, weil jedes nur nach seiner Würdigkeit ge-schätzt wird; wo Untätigkeit Schande ist, Gemeinheit nicht Lob bringt; son-dern nach einem hochgesteckten, außerordentlichen Ziel gestrebt wird. Nurdann, wenn das öffentliche Leben durch die nämlichen Kräfte in Bewegunggesetzt wird, durch welche die Kunst sich erhebet, nur dann kann diese vonihm Vorteil ziehen; denn sie kann sich, ohne den Adel ihrer Natur aufzu-geben, nach nichts Äußerem richten. Kunst und Wissenschaft können beidesich nur um ihre eigene Achse bewegen, der Künstler wie jeder geistig Wir-kende nur dem Gesetz folgen, das ihm Gott und Natur ins Herz geschrieben,keinem andern. Ihm kann niemand helfen, er selbst muß sich helfen; so kannihm auch nicht äußerlich gelohnt werden, da, was er nicht um seiner selbstwillen hervorbrächte, alsobald nichtig wäre; eben darum kann ihm auchniemand befehlen oder den Weg vorschreiben, welchen er wandeln solle.Ist er beklagenwert, wenn er mit seiner Zeit zu kämpfen hat, so verdient erVerachtung, wenn er ihr fröhnt. Und wie vermöchte er auch nur dieses?Ohne großen allgemeinen Enthusiasmus gibt es nur Sekten, keine öffentlicheMeinung. Nicht ein befestigter Geschmack, nicht die großen Begriffe einesganzen Volkes, sondern die Stimme einzelner willkürlich aufgeworfenerRichter entscheiden über Verdienst, und die Kunst, die in ihrer Hoheit selbst-genügsam ist, buhlt um Beifall und wird dienstbar, da sie herrschen sollte.Verschiedenen Zeitaltern wird eine verschiedene Begeisterung zuTeil. Dürfenwir keine für diese Zeit erwarten, da die neue jetzt sich bildende Welt, wie sieteils schon äußerlich, teils innerlich und im Gemüt vorhanden ist, mit allenMaßstäben bisheriger Meinung nicht mehr gemessen werden kann, alles viel-mehr laut größere fordert und eine gänzliche Erneuung verkündet? Solltenicht jener Sinn, dem sich Natur und Geschichte lebendiger wieder auf-geschlossen, auch der Kunst ihre großen Gegenstände zurückgeben? Aus derAsche des Dahingesunkenen Funken ziehen und aus ihnen ein allgemeinesFeuer wieder anfachen wollen, ist eitle Bemühung. Aber auch nur eine Ver-änderung, welche in den Ideen selbst vorgeht, ist fähig, die Kunst aus ihrer

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