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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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2. SPRACHE

SCHÖPFERIN SPRACHE

Wie sonderbar, daß ein bewegter Lufthauch das einzige, wenigstens das besteMittel unsrer Gedanken und Empfindungen sein sollte! Ohne sein unbegreif-liches Band mit allen ihm so ungleichen Handlungen unsrer Seele wären dieseHandlungen ungeschehen, die feinen Zubereitungen unsres Gehirns müßig,die ganze Anlage unsres Wesens unvollendet geblieben, wie die Beispiele derMenschen, die unter die Tiere gerieten, zeigen. Die Taub- und Stummgebornen,ob sie gleich jahrelang in einer Welt von Gebärden und andern Ideenzeichenlebten, betrugen sich dennoch nur wie Kinder oder wie menschliche Tiere.Nach der Analogie dessen, was sie sahen und nicht verstanden, handelten sie;einer eigentlichen Vernunftverbindung waren sie durch allen Reichtum desGesichts nicht fähig worden. Ein Volk hat keine Idee, zu der es kein Worthat: die lebhafteste Anschauung bleibt dunkles Gefühl, bis die Seele ein Merk-mal findet und es durchs Wort dem Gedächtnis der Rückerinnerung, dem Ver-stände, ja endlich dem Verstände der Menschen, der Tradition einverleibt:eine reine Vernunft ohne Sprache ist auf Erden ein utopisches Land. Mit denLeidenschaften des Herzens, mit allen Neigungen der Gesellschaft ist es nichtanders. Nur die Sprache hat den Menschen menschlich gemacht, indem siedie ungeheure Flut seiner Affekte in Dämme einschloß und ihr durch Wortevernünftige Denkmale setzte. Nicht die Leier Amphions hat Städte errichtet,keine Zauberrute hat Wüsten in Gärten verwandelt; die Sprache hat es getan,sie, die große Gesellerin der Menschen. Durch sie vereinigten sie sich bewillkom-mend einander und schlössen den Bund der Liebe. Gesetze stiftete sie undverband Geschlechter; nur durch sie ward eine Geschichte der Menschheitin herabgeerbten Formen des Herzens und der Seele möglich. Noch jetzt seheich die Helden Homers, obgleich die Schatten des Sängers und seiner Heldenso lange der Erde entflohn sind. Ein bewegter Hauch des Mundes hat sieunsterblich gemacht und bringt ihre Gestalten vor mich: die Stimme derVerstorbenen ist in meinem Ohr: ich höre ihre längst verstummten Gedanken.Was je der Geist der Menschen aussann, was die Weisen der Vorzeit dachten,kommt, wenn es mir die Vorsehung gegönnt hat, allein durch Sprache zu mir.Durch sie ist meine denkende Seele an die Seele des ersten und vielleicht desletzten denkenden Menschen geknüpfet: kurz, Sprache ist der Charakter unsrerVernunft, durch welchen sie allein Gestalt gewinnt und sich fortpflanzet.(Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1784/1891.)

DIE SPRACHE ALS WEHR

Aus der Tiefe erwarte ich unser Heil, aus der Höhe, leider! nicht mehr. AufDeutschland rechne ich noch, auf keinen einzelnen Staat des gemein-schaftlichen Vaterlandes. Was aufgelöst und geschieden wurde durch roheGewalt oder treulose Verschmitztheit, wird sich wieder binden und vereinigenin den Tiefen des Volkscharakters nach den Gesetzen einer höhern Wahl-

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