EINZELGESTALTEN UNDGEMEINSCHAFTEN
I. STAATLICHE MENSCHEN
THEODERICH DER GROSSE
Der Hof Theoderichs war gleichsam ein Bild im kleinen von dem Reiche.Neben den Stellen, die man am Hofe der Kaiser kannte, fand man das Amt einesMajordomus und eines Waffenträgers, neben dem königlichen Diadem dasgotische Schwert; die lateinische Sprache wurde als die Staatssprache be-trachtet; aber die gotische ward von den Kindern der vornehmsten Römer ge-lernt, ausgezeichnete Gelehrte spielten die erste Rolle in Ravenna, aber Theo-derich verbarg nie seine Maxime, bis zu welchem Grade man wissenschaft-liche Bildung schätzen müsse. Nur die Musik scheint er ohne alle Einschrän-kung geduldet zu haben; sie begeisterte bei seinen Gastmalen die rohen Gotenund gab selbst dem Römer einen höheren Schwung. Auch ward sein Hof durchsie so berühmt, daß sich fremde Könige von ihm Sänger und Harfenschlägerausbaten.
Theoderich behielt mitten unter der orientalischen Pracht, mit welcher seinePerson umgeben ward, Einfalt der germanischen Sitten, und zu ihm sahn dieRömer wie die Goten mit Bewunderung hinauf. Schon in seinem Äußeren ver-einigte er die Vorzüge, welche der gebildete Mensch schätzt, und die außer-ordentliche Stärke, welche der Barbar preiset. Er hatte die schneeweiße Haut,die blühende Gesichtsfarbe, welche als charakteristisch bei den Germanenbemerkt werden, seine Augen glänzten stets von Heiterkeit; aber er war schreck-lich, wenn er zürnte, und hatte einen eisernen Arm. Im Gespräch war er oftgeschmeidig; doch vergaß er nie eine gewisse Besonnenheit, die am meistenEindruck machte, wenn er einige Sätze sagte, die sein eindringender Geistvon der Erfahrung sich abgezogen hatte. Gewöhnlich war ihnen eine solcheeherne Wahrheit aufgedrückt, daß man sie nie wieder vergaß; schon durchseine Reden war es unvergeßlich geworden, an welcher Stätte er sich verweilthatte.
Von Tugend und Größe, wo er sie finden mochte, ward immer seine ganzeSeele erfüllt. So belohnte er diejenigen, welche dem unglücklichen Odoakerunerschütterliche Treue, die sie schwuren, bewiesen hatten, und nie fühlteer sich selbst erhabener, als wie er unter den Denkmalen der alten Römer-größe in Rom wandelte. Der Senat und das Volk zogen ihm feierlich ent-gegen, da er im siebenten Jahre seiner Regierung (500) der Stadt nahte, undnannten ihn einen zweiten Trajan. Er redete öffentlich mit Würde zu ihnenund ließ es zu, daß die Verheißungen, welche er ihnen getan hatte, in eine Tafelvon Erz gegraben wurden; aber bald entriß er sich der öffentlichen Bewun-derung, um die Denkmale des Altertums zu betrachten. Keines von ihnenzog seine Seele so an, als die Säule Trajans. Überhaupt aber bewogen ihn die
7 Wolters, Der Deutsche. IV, 2. Q »