liebevolles, glühendes Herz für alles Große und Gute, eine geistige Religiosität,die strengsten moralischen Grundsätze und einen an Gemüt und Geist hohen,geweihten Genius. So trug er seinen Hamann im Herzen; die innigste Sym-pathie verknüpfte sie beide für Zeit und Ewigkeit.
Ob Herder bald nach seiner Ankunft zu Königsberg oder erst später die Be-kanntschaft mit Hamann gemacht, weiß ich nicht. Er selbst erzählte uns: siehätten einander zuerst im Beichtstuhl gesehen und seien aufeinander aufmerk-sam geworden. Auf dieses erste Sehen, das beiden unvergeßlich blieb, knüpftesich bald die nähere Bekanntschaft, die wahrscheinlich der BuchhändlerKanter beförderte. Genug, sie hatten sich gefunden.
Hamann belebte in hohem Grade der Eifer, Jünglingen hilfreich zu sein,wo er konnte, und so sorgte er auch für seinen jungen, unerfahrnen Freund,indem er auf Mittel zu seinem besseren Fortkommen dachte und selbst zu seinerBildung viel beitrug. Er las mehrere Bücher mit ihm. Die Harmonie ihrerGesinnungen entwickelte sich durch diese Geistesmitteilung immer mehr.Hamann lehrte ihn das Englische; sie fingen mit Shakespeares Hamlet an. Un-vergeßlich und heilig blieb ihm der Eindruck, den diese Stunden ihm gemacht,er sprach oft mit Rührung davon, den Hamlet konnte er beinahe auswendig,und unter allen dramatischen Dichtern hielt er immer Shakespeare am höch-sten. Seine Bekanntschaft mit diesem Dichter und mit Ossian entwickeltenseine Liebe zur einfach-rührenden Natursprache der Volkslieder, deren Keimdurch die morgenländische Poesie schon in früher Jugend in ihm gewecktworden war.
Mit Hamann, den er so hoch und einzig verehrte, war er, so viel es beider Zeiterlaubte, oft zusammen. Er war und blieb ihm ein heiliges Wesen. Ihr Brief-wechsel, worin sie sich alles Merkwürdige ihres Lebens und Herzens mit-teilten, war ein geistig-moralisches Zusammenleben; er enthält die treusteDarstellung ihrer Gesinnungen, Verhältnisse und Schicksale.Wenn Herder einen Brief von Hamann erhielt, so war es für ihn ein Festtag;dann konnte er nicht mehr im Zimmer bleiben, er mußte hinaus ins Freie,seine ganze Seele war bewegt. Die schmerzlichste Empfindung war für ihn, daßer Hamann in Deutschland nicht mehr sehen und sprechen sollte. Hamannstarb zu Münster am 21. Juni 1788, eben da er im Begriff war, Herdern zubesuchen. Wieviel war ihm mit Hamann versunken — sogar seine letzteStimme treuer Freundschaft in Münster verklungen I (Caroline von Herder,Erinnerungen aus dem Leben J. G. von Herders, 1820.)
HERDER — SOKRATES UND GOETHE — ALKIBIADES
Keine Rechenschaft geb ich Ihnen, lieber Mann, von meiner Arbeit, nochsag ich meine jetzigen Empfindungen darüber, da ich aufgestanden und indie Ferne getreten bin; es würde aussehen, als wollt ich Ihr Urteil leiten,weil ich fürchtet es wandelte an einen Platz, wo ichs nicht wünschte. Dasaber darf ich sagen, daß ich recht mit Zuversicht arbeitete, die beste Kraftmeiner Seele dran wendete, weil ich tat, um Sie darüber zu fragen, und wußte,Ihr Urteil wird mir nicht nur über dies Stück die Augen öffnen, sondern viel-
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