dem dazu, es anderen zu bereiten." Bedenkt man, daß Bergmann trotz derArbeitslast ein Freund der Geselligkeit war, so steht man staunend vor derHünenhaftigkeit dieser urgesunden Natur. Von seiner Macht der Rede undseiner dabei noch in spätesten Abendstunden herzgewinnenden Frische warenwir oft Zeugen in der Medizinischen Gesellschaft, in der Ärztekammer, in denSitzungen der Ärztlichen Rettungsgesellschaft. Er hat all seine reichen Gabenin den Dienst seines Berufes gestellt, war ein Diplomat und Weltmann, wo esgalt, die Mittel für Stiftungen großen Stiles zu beschaffen, überredete spielendgroße Künstler und Millionäre zu Wohltätigkeitsleistungen und wußte stetsdie für den Zweck geeigneten Männer zu finden.
Er hat bis zum letzten Atemzug dieses Leuchtfeuer mit eigner Hand genährt;auf höchster Warte hat er Ausschau gehalten, ob rings im Land und darüberhinaus nicht Fackeln aufleuchteten, deren Glut der von ihm gehütetenFlamme zu gewinnen sei. (Carl Ludwig Schleich, Besonnte Vergangenheit,1922.)
NIETZSCHE
Wir besitzen das psychologische Zeugnis dafür, daß die äußerlich unsicht-bar werdende Verbindung zwischen den Hoffnungen Nietzsches und seinemBild des deutschen Werdens in der Tiefe niemals abgerissen ist — ebenso-wenig, wie Nietzsche selbst in seiner überdeutschesten Zeit jemals aufgehörthat, eine überaus deutsche, ja eine selten typische deutsche Gestalt zu sein.Dies Zeugnis ist sein unglaublich gereizter, leidenschaftlich genährter Haß gegendas Neudeutschtum des siegreichen jungen „Reichs", dem gegenüber er sichals Deutschen einer aussterbenden Art, gleichsam als „letzten Deutschen"empfand, als Deutschen von „vorgestern", aber damit im geheimen auch alseine Art „ersten Deutschen", als Deutschen von „übermorgen". Sein Fana-tismus, seine passionierte Ungerechtigkeit gegen alles, was den Namen desDeutschen trägt, kann nur mit den Ausbrüchen seines Antichrist und seinesFall Wagner verglichen werden: wie diese ist es ein Liebeshaß, ein Haß austiefstem Verwandtschaftsgefühl, aus dem bösen Gewissen einer inneren Identi-tät heraus, der sein Gegendeutschtum speist. Es ist ein Haß auf eigene Ge-fahren, auf eine Bedrohung des Bessern in ihm selber. Die Verkleinerung, diekarrikaturistische Verzerrung seines eigenen Ideals, die vorzeitige Selbst-bescheidung und niedrige Realisierung eines zu höherer Entelechie Vorher-bestimmten — das ist es, was Nietzsche dem Deutschtum des bismärckischen„Reichs" nicht verzeihen kann (nur hieraus erklärt sich auch seine merk-würdige Verzerrung und Verkennung Bismarcks, dessen Gestalt gerade eraus unbeteiligter Ferne ohne Zweifel der Reihe seiner macchiavellistischenMachttypen großen Stils zugesellt haben würde). Er verzieh dem Christen-tum im Grunde nur die Verkleinerung, Verfälschung und Umdeutung desgriechischen Erbes nicht, er verzieh Wagner nicht, daß er, der Schöpferdes Siegfried, des Tristan, der „lutherschen" Meistersinger, zu deren Gegen-idealen „kondeszendiert" sei, daß er der mächtigen Pyramide seines Daseinsdie letzte krönende Spitze für immer geraubt habe, daß er um zu raschen Er-folges bei Lebzeiten willen sein revolutionäres Werden vorzeitig in einem
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