pseudolegitimen Sein habe erstarren lassen: daß er, mit einem Wort, Nietzscheseigene Vision seiner selbst (denn eine solche war ja die „Geburt der Tragödie",war Richard Wagner in Bayreuth") durch fratzenhafte Verwirklichung,wie das reale Bayreuth sie darstellte, geschändet habe (der Traum von Trieb-schen und der reiche Patronatspöbel von 1876, wie Nietzsche ihn schildert).So verzieh Nietzsche es dem Deutschtum nicht, daß es sich durch die satteSelbstgenügsamkeit an dem allzu rasch, allzu leicht errungenen „Sein" desneuen Reichs jenes edlen Ungenügens an sich selber beraubte, das doch einzigden immer noch werdenden deutschen Geist zu der ihm vorherbestimmtenHöhe hinauftreiben konnte. Er vergab ihm die widrige Bescheidenheit nicht,mit der es eine erreichte Stufe der äußerlichen Sicherung und Zivilisation füreine Kultur nahm, die ebenso widrige Überhebung nicht, mit der es sich einemNationalismus zu verschreiben schien, der das deutsche Werden zur Fratzedes Seins älterer Völker machen mußte. Das war die Instinktangst des jungenNietzsche, wie es der Ingrimm des späten Einsiedlers wurde. Die Eingangs-seiten der Ersten Unzeitgemäßen und die Ausfälle des Ecce homo-Kapitels,„Der Fall Wagner" kommen aus der nämlichen Tiefe und sagen im Grundedasselbe. Dieser Nationalismus aber erschien Nietzsches früher Deutsch-gläubigkeit wie seiner späten Deutschkritik als die eigentliche Urversündigungam deutschen Wesen, als der Frevel, der nicht vergeben wird; deutscherChauvinismus (die Sprache selber weigert sich, diesem Widerspruch in sichselber ein deutsches Wort zu leihen) blieb ihm der Tod jeder deutschen Hoff-nung. Ihm ist Deutschtum nur als Hoffnung, als ungeheure Möglichkeit, alsForderung (vor allem an sich selber) denkbar, als ein Postulat und als einStachel zu Überwindungen. Ein Deutschtum, das sich am Ziele glaubt, dasschon seine Verkörperung (seine „Kultur") erreicht sieht, ist ihm nichts alsein grotesker Greuel. Gibt es im Grunde eine höhere Auffassung deutschenWesens, eine anspruchsvollere Wertschätzung seiner inneren Möglichkeiten,als etwa eine Äußerung wie die (formal bereits etwas hemmungslose) späteNachlaßstelle der Umwertungszeit sie bekundet? „Deutschland, Deutschlandüber alles — ist vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist.Warum überhaupt Deutschland — frage ich: wenn es nicht etwas will, ver-tritt, darstellt, das mehr Wert hat, als irgendeine andere bisherige Macht ver-tritt! . . Wo ist der neue Gedanke? Ist es nur eine neue Machtkombination?Um so schlimmer, wenn es nicht weiß, was es will . . Herrschen und demhöchsten Gedanken zum Siege zu verhelfen — das einzige, was mich an Deutsch-land interessieren könnte. Was geht es mich an, daß Hohenzollern da sindoder nicht da sind? Englands Kleingeisterei ist die große Gefahr jetzt auf derErde." Wann hat ein Deutscher je stolzer von deutschem Wesen als deutscherVerantwortung gesprochen? „Deutschland über alles" — das könnte, dasdürfte ihm nur heißen: der Deutsche muß innere Weltweite behalten, jeneseinzigartige (in der äußerlichsten Sphäre „kosmopolitisch" sich darstellende)Verantwortlichkeitsgefühl: eine Welt zu sein, ein echter Kosmos mit allseinen werdenden Möglichkeiten; die Last einer Welt, die Zukunft einer Weltz u tragen — nicht „dieser" Welt, sondern einer „andern", einer neuen Weltdeutscher Verwirklichung. (Ernst Bertram, Nietzsche, 1918.)
H Wolters , Der Deutsche. IV, 2. 20Q