übergestellt. War Langenbeck ein Genie gewesen, dessen sichere, eleganteAristokratenhand seine fast ausschließlich von ihm selbst erfundenen Operier-methoden demonstrierte wie ein Virtuos sein anderen unerreichbares, staunens-wertes, nur ihm gegebenes Können, war Langenbeck der Geist und die Seeleder Chirurgie selbst, so glich sein Nachfolger einem großartigen Organisatorder überkommenen, zusammengefaßten und in einem System lehrbaren Ideender Vergangenheit und der Gegenwart. Wie Moltke, die Ideen des großenFriedrich und Napoleons verschmelzend, einer Armee die Mittel aufzwang,zu siegen durch Manöverübungen und den vielverschrienen preußischen Drill,der uns doch ein Vaterland zusammenschweißte, so verstand Bergmann, dasüberlieferte, das genialisch Verstreute zu fundamentieren und mit allen Mittelndes Diktators den Schülern aufzuzwingen. Trotz allem Kopfschütteln im An-fang und dem hämischen Vermissen des eigentlich Genialen, „das man dochan Langenbeck gewohnt sei", ist es heute zweifellos, daß von der durch Berg-mann angebahnten Erziehung zu einer Technik des chirurgischen Gewissensgegen die Leidenden der größte Segen ausgegangen ist.
In jenen ersten Tagen der Neuordnung war eines Morgens ein zwölfjähriger,auffallend schöner Knabe aus Schöneberg in die Klinik eingeliefert worden,der nach einer Verletzung am Fuße schwere Anfälle von Wundstarrkrampfbekommen hatte. Obwohl die Wunde mit größter Sorgfalt geöffnet und des-infiziert worden war, wiederholten sich gegen Abend die Krämpfe, und Berg-mann beauftragte uns jüngere Famuli, bei dem Kranken die Nacht zu durch-wachen und jeden Anfall mit Chloroform-Narkose zu bekämpfen. Drei Uhrnachts war es, als sich plötzlich die Tür auftat und der neue Chef im Frackund vollen Ordensschmuck eintrat, um nach dem Kinde zu sehen. Er schlugdie Decke von dem Tief betäubten zurück und sprach ergreifende Worte: überdie Griechenschönheit dieses jungen Leibes, über den Segen der Narkose undüber das Mysterium des Todes. Wir waren erschüttert, als er trauernd demsterbenden Kinde über die Stirn strich und dann sinnend davonging. DieSzene hatte auf mich einen unvergeßlichen Eindruck gemacht. Niemals inmeinem Leben hatte ich einen Menschen so hinreißend, so wehmütig tiefund so ganz im Ton einer ärztlichen Priesterschaft am Krankenlager redenhören.
Und wie brach der zündende Strom seines Votrags im Kolleg hervor! WelchTemperament, welche Begeisterungsfähigkeit für die gestellten Aufgaben,welche Fülle und Gegenwärtigkeit des Fachwissens, welche Beherrschungaller Hilfswissenschaften, namentlich der pathologischen Anatomie! Wieim Kolleg durch den Schwung seines Vortrags, so begeisterte er im Anatomie-saal durch unermüdliche Hingabe an die Sache. Schon um sechs oder siebenUhr früh war er in der Charite. Seine Kraft schien unerschöpflich. SechzehnStunden währte, so sagte der Priester an seinem Sarg, sein Normalarbeits-tag, und doch hat in den Stunden der Ruhe niemals ein Leidender umsonstan ihn appeliert. Seine Familie habe ihn kaum je ermattet, sondern stets inmitempfindender Liebe für jeden einzelnen bedacht, auch an den Tagenschwerster Pflicherfüllung, gesehen. Kein Wunder, er hatte zu den SeinenJa das Wort gesprochen: „Man ist nicht zu seinem Glück auf der Erde, son-
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