aufgewachsen sind, auch heute noch ermessen. Wenn schon sein „Sommertag"in Italien gemalt ist: unter dem Zeichen solcher Jugendlust und Sonnen-freude haben auch wir in der Aare unsere Glieder regen dürfen, als hättedamals das Auge des Meisters, der während unserer Kindheit sieben Jahre inder Schweiz weilte, noch auf uns geruht. Etwas vom hirtenmäßigen Daseinder Ahnen seiner engeren Heimat lebt in der Tat in den frühen Bildern Böck-lins, nur daß „ein Strahl von Hellas auf ihn fiel", der der Klage des Hirten dieSüße, jeder stärksten Regung und dem frohen oder furchtbaren Kräftespielder naturgebundenen Gestalten ihre Weihe gab. Was Böcklin mit seiner erd-naheren Natur vor jenen deutschen Italienfahrern voraus hatte, läßt sich viel-leicht am ehesten bezeichnen, wenn wir sagen, daß ihm die zerstörendenMächte, die sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt drohender zu regen begannen,der Bändigung durch männliche Tat bedürftig schienen, und so möchten wirin seinen Drachen, Kentauren und Pansfiguren, die den Menschen der Erdeerschrecken und erschüttern, ohne ihn doch völlig vernichten zu können,ein Abbild eigener Kämpfe sehen. Seine Fabelwesen, so wirklich als die blü-hendsten und kräftigsten Leiber von Mann, Frau und Knabe, konnten nur demoberflächlichen Betrachter als literarische Verbrämung seiner Bilder erschei-nen. Freilich muß man wie er in der Welt der Dichtung heimisch sein,um als Maler die Glut und Lauterkeit einer so ganz aufs Menschliche ge-richteten Gestaltungsgabe sich zu wahren. Böcklin ist von der heroischenLandschaft ausgegangen, die zu Beginn des Jahrhunderts der Tiroler Kochin Italien erneuert hatte, nachdem ihm ein mehrjähriger Aufenthalt in derSchweiz den Blick für große, strenge Naturformen erschlossen. Dabei istBöcklin den umgekehrten Weg gegangen, als zwei Jahrhunderte zuvor derSchöpfer der heroischen Landschaft, Poussin: befreite sich dieser vom Zwangeiner figürlichen Komposition, deren Lebendigkeit zum letztenmal bei Raffaelnoch möglich war, zur gesättigten Ruhe einer räumlich klaren südlichenLandschaft, so hat Böcklin erst von dieser Landschaft aus auf eine antik an-mutende Weise seine Gestalten verdichtet. Noch die späteren Frühlingsbildererweisen, daß ihm darüber der Zauber des Wachstums nicht entglitt wennauch eine gewisse Vereinfachung im landschaftlichen Motiv Platz greift. Keinerhat wie er das südliche Meer gemalt: eine Brandung an der ligunschen Küstesieht anders aus als eine an der Küste der Bretagne oder Normandie, und esist müßig, von Böcklin zu erwarten, daß er den trüben Gischt von Courbets„Welle" zeige Im Beginn der nordischen Freilichtmalerei erschien allerdingsdas starke Gewirke des Böcklinschen Farbenspiels den meisten hart und bunt.Gehalten an die ebenso klaren, starken Farbengegensätze etwa auf einemBildnis Holbeins, der es wagt, einen Kopf vor ein ungebrochenes starkes Blauzu stellen, ergibt sich bei Böcklin freilich ein gewisser Zwiespalt, der uns andas Malerschicksal Feuerbachs und Marees' erinnern muß: seine, wenn manwill, poetische Farbe, Feuerbachs Grau und Marees' Farbe aus dem Schatten-reich zeigen gleichermaßen, daß der Maler zwar Wächter am Schönen sein,das schöne Leben aber selbst nicht formen kann, wenn es nicht notwendigaus einer menschlichen Einung hervorgeht. In diesem Zusammenhange seierwähnt, daß die drei Künstler, wenn auch ohne nachhaltigen Erfolg — sich
205