in seinem Leben, eine in den seltsamsten Kontrasten wechselnde, scheinbareDoppelgängerei, jenes chamäleontische, aber immer prächtige Farbenspiel,
womit uns seine Erscheinung oft in Erstaunen setzt.------Fast erschrocken sagt
seine Freundin Günderode von ihm: „Es kommt mir oft vor, als hätte er vieleSeelen- wenn ich nun anfange, einer dieser Seelen gut zu sein, da geht siefort und eine andere tritt an ihre Stelle, die ich nicht kenne, und die ich über-rascht anstarre und die, statt jener befreundeten, mich nicht zum besten
behandelt."
Es ist begreiflich, ein so außerordentlich komponiertes Talent, wo Licht undSchatten, weil sie miteinander rangen, dicht nebeneinander lagen, ja oft sto-ßend und drängend ineinander überzugehen schienen, wo neben hingebenderAndacht und aller wunderbaren Süßigkeit ein übermächtiger Witz mit denDingen koboldartig spielte, alles verletzend, was er liebte — eine so ungewöhn-liche Natur, sagen wir, mußte häufig verkannt und mißverstanden werden,indem die Welt zu bequem ist, um genauer hinzusehen und im Scherz denErnst, „das tiefe Leid im Liede", zu erkennen. (Eichendorff, Geschichteder poetischen Literatur Deutschlands, 1857.)
FEUERBACH ■ MAREES • BÖCKLIN
Mit dem Niedergang des bürgerlichen Zeitalters, dem noch Goethe seine dich-terischen Kräfte zu Diensten gestellt hatte, verringerten sich in erschreckenderWeise die Bedingungen, die notwendig sind, damit der Kunstler einen leben-digen Zusammenhang spüre zwischen dem, was er bildet, und dem Menschen,der dies Gebilde anschaut, genießt und durch die Art, wie er damit lebt, fort-setzt. Wo waren die Zeiten hin, in welchen ein Chodowiecki seinen Mit-bürgern in präzisen und zarten Bildchen ihre geselligen Freuden, ihre Kind-bette, ihre vertrauten Züge zeigte? Damals konnte es, auf Grund der festenBindungen, die Künstler und Besteller einten, einem schlichten Mann wieAnton Graff gelingen, in seinem Porträtwerk die feinste Blüte der höfischenund bürgerlichen Gesellschaft aufzuweisen und für die Nachkommen zu er-halten. Man darf sagen, daß seit 1848 jener bittere Ausspruch eines späterenKünstlers wahr zu werden beginnt: Kunst ist ein Bruch mit der Gesellschaft.Wir vermögen heute kaum mehr zu fassen, mit welchem Hohn, welcher Kälteoder eisigem Schweigen die Werke des jungen Feuerbach in Deutschland auf-genommen wurden. Was Goethe nach Italien zog, haben um die Mitte des19. Jahrhunderts zustärkst erfahren drei bildende Künstler, denen in ganz ähn-licher Weise die Heimat ihren Lebenswillen und die Kraft der Selbstdarstel-lung zu ersticken drohte: Feuerbach, Marees, Böcklin. Es ist kein Zufall,daß diese drei der Abstammung nach dem rheinisch-mainischen Kulturkreisangehörten Was diesen Söhnen der reichen Gaue des deutschen Südens undWestens gemeinsam war: der Trieb, das menschliche Gewächs aus der Ver-strickung des bloß Dinglichen zu befreien und durch Steigerung seiner edelstenKräfte ein heroisches Menschenbild aus ihm zu schaffen, das nicht nur er-schüttere oder bezaubere, sondern ähnlich den Gestalten der Dichtung imUmgang Vorbild würde: das wars, was Goethe aus dem Nebel des Nordens,
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