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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
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So viel über die Gebrechen eines großen Mannes: zu unserm Verständniswar ein deutliches Bild dessen, was er gewesen, auch eine Zerlegung seinerNatur notwendig. Dieses nicht ohne Rührung vollbrachte Geschäft, unterwelchem wir alle die in früheren Stunden entworfenen Züge des echten Rednerszusammenzufassen strebten, erinnert uns, nun zu sagen, daß er sein Lebenhindurch unter allen Irrtümern das Allerhöchste gewollt und auch in vielengroßen Augenblicken seines tatenreichen Lebens die Nähe des Göttlichenempfunden hat. Es war etwas Prometheisches in ihm: er trug das Feuer desHimmels in seiner Brust, aber die Züge des Göttlichen selbst zu schauen,war ihm versagt. Die Kriegslust der irdischen Mächte kannte und verstand er,aber das Wehen ihres Friedens hat seine unruhige Seele eigentlich nie gekühlt.Weil er der Natur selbst ins Antlitz sah, so blendete sie ihn auf allen Wegen:beruhigen kann sie nur, ich wiederhole es, wenn sie widerstrahlt aus der Seeledes Künstlers, des Dichters. (Adam Müller, Zwölf Reden über die Beredsam-keit und deren Verfall in Deutschland, 1812.)

BETTINA UND CLEMENS

Seine Schwester Bettina schreibt an Brentano:Meine Seele ist eine leiden-schaftliche Tänzerin, sie springt herum nach einer inneren Tanzmusik, die nurich höre und die andern nicht. Alle schreien, ich soll ruhig werden, und Duauch, aber vor Tanzlust hört meine Seele nicht auf Euch, und wenn der Tanzaus wäre, dann wärs aus mit mir. Und was hab ich denn von allen, die sichwitzig genug meinen, mich zu lenken und zu zügeln? Sie reden von Dingen, diemeine Seele nicht achtet, sie reden in den Wind. Das gelob ich vor Dir, daßich nicht mich will zügeln lassen, ich will auf das Etwas vertrauen, das so jubeltin mir. Denn am End ists nichts anderes, als das Gefühl der Eigenmacht.Es ist ja aber auch Eigenmacht, daß man lebt." Wir jedoch in unsererSprache möchten diese verlockende Naturmusik, diesen Veitstanz des freiheits-trunkenen Subjekts, kurzweg das Dämonische nennen, womit eine unerhörtverschwenderische Fee beide Geschwister, Bettina wie Clemens, an der Wiegefast völlig gleich bedacht hatte.

Bettina jubelt noch bis heute eigensinnig fort in ihrer Eigenmacht, währendClemens jene Eigenmacht vielmehr als eine falsche Fremdherrschaft erken-nend, mit dem Phantom gerungen bis an sein Ende. Und eben darin liegt dieeigentümliche Bedeutung Brentanos, daß er das Dämonische in ihm nichtetwa, wie so viele andere, beschönigend als geniale Tugend nahm oder künst-lerisch zu vergeistigen suchte, sondern beständig wie ein heidnisches Fatumgehaßt hat, das ihn wahrhaft unglücklich machte, daß er ferner diesen Kampf

nicht systematisch und planmäßig--------sondern als ein geborener Dichter

sprunghaft, nach Gelegenheit und augenblicklicher Eingebung und mit wechseln-dem Glück, wie einen unordentlichen, phantastischen Partisankrieg geführthat mit allen spiegelblanken Zauberwaffen der Poesie, mit Klang und Witzund einer zweischneidigen Ironie, die sich selbst am wenigsten verschonte.Daher auch bei ihm, je nachdem die eine oder die andere der im Kampf be-griffenen Gewalten die Oberhand gewann, das Aphoristische, Improvisierte

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