sie selbst Platz einnahmen und die Welt und das Zeitalter verwirrten, worinMüller stand, und wohin sie nicht gehörten.
Der treffliche Mann nannte sein Studium der Geschichte ein Wandeln durchdie Jahrhunderte und meinte, ihm stehe nach Belieben die Rückkehr freiin seine Heimat, und fühlte nicht, wie er verwirrt wurde durch die zu großeKlarheit seines Seelenauges. Er zog die Umrisse der einzelnen Gestalten sostreng, er wohnte sich, ich möchte sagen, auf jeder Herberge seiner Welt-umwanderung gleich so ein, daß er nur mit Schmerz sich davon loszureißenvermochte. So ward sein ganzes Leben eine ununterbrochene Kette heftigergriffener Freundschaften und bittrer Trennungen, ungebührlicher Hoff-nungen und unzeitiger Verzweiflungen. Außer einem Herzen, das, wo erstand, gleich Wurzel schlug und einen Bau anfing wie für ferne Jahrhundertenach ihm, hatte die Natur ihm das unglückliche Geschenk einer geflügeltenEinbildungskraft gegeben, die ihn allzu leicht von einem Lande in das andre,von einem Jahrhundert in das andre trug. Eine Eigenschaft demnach, die ichvom Redner begehrte, besaß er im Übermaß: das Eingehen in die entgegen-gesetzte Partei. Dieser Wortredner seines Jahrhunderts mit seinem gött-lichen Talent für die Sprache konnte keine große Sache, keinen großen Pro-zeß führen, weil er die Gegenpartei allzu heftig auffaßte, weil er allzu tief ein-ging in das Bedürfnis und in die Situation des Gegners. Daher seine Unbe-fangenheit, sein Befremden, wenn man ihm vorwarf, daß er seine Parteiverlasse: Freund und Feind waren in seiner Seele beides treffliche Leute: esgab im Grunde keinen Streit zwischen ihnen; denn sie hatten beide auf gleicheWeise seine Einbildungskraft entzündet und bestochen, und so erscheint eram Rande seines Lebens auf der Seite, gegen die das ganze Wirken der schö-neren Hälfte seines Lebens gerichtet war, und es begleitet ihn nichts in denTod, als der rührende Glaube an jenes Wesen, für welches er in seinem rei-chen Leben keinen andern Namen gefunden hatte, als den Namen der Freund-schaft.
Er hatte in allen das Leben, wenigstens den Schlag des Herzens, wenn auchnicht das höhere Leben empfunden, wie sollte er nicht mit dem Glauben ster-ben, daß sie sich dereinst untereinander empfinden würden, wenn auch seineschöne Seele blutete, daß er sie in der Entzweiung zurückließ, und daß ihmnicht vergönnt war, mit den Herren der Erde Hand in Hand zu wandeln oder
sich mit ihnen auf der Sonnenwolke des Ruhms zu erheben über die Erde.-------
Er kannte und verstand das Eigentümliche der Poesie nicht. Hören Sie ihnreden von Homer, den er bewundert, er greift ihn auf nicht wie einen Dichter,sondern wie einen Redner, mit bestimmten Zwecken der Belehrung derPolitischen Begeisterung. — Ich wüßte das ganze Problem, das Rätsel seinesCharakters, seine reiche Armut, seine zaghafte Entschlossenheit, das eiligeVerfliegen seiner Begeisterungen, die weichliche Härte seines Stils, seine treu-Io se Treue und vor allen den Mangel des Geschmacks selbst in seinen vor-trefflichsten Werken nicht anders zu erklären. Die Satzungen der Völkerinteressieren ihn viel mehr als ihre Sitten: nur die Dichtkunst öffnet den Blickin das geheime Hauswesen der Völker, wovon die Geschichten Johannes vonFüllers eigentlich keine Kunde geben.
20I