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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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In diesem Sinn steht sie gegen Novalis, der die Fleischwerdung des Geistessang und in sich erlebte. Und wie Caroline ihr Sinnliches zu Seele umschuf,so auch ihr Schicksal. Diese Zarte, Holde, Empfängliche war durchaus heroischgestimmt, und was ihr widerfuhr, verwandelte sich unter ihrem sanften undfesten Willen in Notwendigkeit und Harmonie. Ihr Leben steht unter einergöttlichen Gerechtigkeit. Als deren Trägerin und Botin empfindet sie sich auchandern gegenüber, was ihr bald als Kälte, bald als Koketterie ausgelegt wurde.Sie konnte von nichts befleckt werden. Keine Hingabe machte sie zur Sklavin,immer blieb sie unbefangen und im Gleichgewicht. In ihr ist keine Spur vonHysterie, Lüsternheit, Empfindelei. Mit der seherischen und unerbittlichenUnschuld eines Kindes schreitet sie sicher durch Menschen und Ereignisse;alles empfindend und nichts betastend, stolz und geduldig, nie satt und niegierig, heiter wie eine antike Göttin und bräutlich still vor dem Göttlichen,das sie in allem Leben walten fühlte, voll leiser Fieber und Verführungenund mit hellem Bewußtsein ihres Wertes wie ihrer Gefährlichkeit. Wir denkenan Monna Lisa. Auch sie lächelt jenes unsterbliche Lächeln. Und damit ihrdas weiblichste Geschick nicht fehle, ward sie Mutter, und ihre Mütterlichkeitwuchs ihrem frauenhaften Reize zu. (Friedrich Gundolf, Romantikerbriefe,1907.)

JOHANNES VON MÜLLER

Johannes von Müller gehört der Beredsamkeit an, er hat in jedem Augen-blick seines Lebens männlich nach bestimmten Zwecken gestrebt, aber einegewisse poetische Empfänglichkeit vermochte ihn so oft sein Ziel zu wechseln,daß er mitunter den falschen Schein eines Dichters von sich gibt, so sehr dietüchtige Natur solchem Scheine, wie aller Lüge überhaupt, auch innerlichwiderstrebte. Es hat sich nicht leicht solch eine Masse nicht etwa von Kennt-nissen, dieser Begriff wäre zu trocken und zu kalt für die Lebenswärme, fürdie Begeisterung, womit dieser Mann wußte, was er wußte aber von Bilderndes Lebens in eine menschliche Seele zusammengedrängt, als in ihm. Nichtleicht hat bei einer gewissen Unempfänglichkeit für die Dichter selbst, die ihmeigen war, ein Redner so den Buchstaben der Vorzeit zu beleben, zu er-gänzen gewußt, als er, nicht leicht hat ein menschliches Ohr die Stimmen desAltertums so zu unterscheiden gewußt, als das seinige. Ich möchte ihn einenGeisterbeschwörer nennen, wie Burke einen Geisterseher der Vorzeit: mit ge-wissen Formeln von Ruhm, von Freundschaft, von Freiheit, mit einem be-ständigen Schlachten- und Waffenruf hatte ihn in früher Jugend das Studiumder Geschichte angesprochen, gereizt und für sein ganzes Leben bezaubert;mit diesen Formeln, die er nicht ohne eine gewisse Weihe aussprach, lockteer selbst wieder und beschwor die Geister der Vorzeit: es war bei ihm ein Werkmühseliger Arbeit, was bei Burke natürliche Verfassung der Seele. Daher wußteBurke die Geister zu rufen und zu entlassen, wärend Müller sie heranbeschwor,in immer dichteren Massen um sich her versammelte, bis er zuletzt in demGedränge sich selbst verlor. Burke erschienen sie als Geister gewissermaßenverklärt: dem Johann Müller in einer gewissen ungebührlichen Deutlichkeit,mit einem Scheine des gemeinen Lebens und in dessen Farben und Art, so daß

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