Geistesart, wie die angedeutete, notwendig als antike zu fassen. Humboldtselber sagt irgendwo, das Antike sei es nicht sowohl durch seinen Inhalt, alsvielmehr durch seine Stellung zu uns, durch die abgeschlossene, gediegeneGestalt aus der alles Unwesentliche längst ausgeschieden ist. Von frühesterZeit mit Vorliebe in das klassische Altertum versenkt, sein Leben lang mitdessen edelsten Schätzen genährt, ist Humboldt in allen seinen Richtungenvon antikem Geiste beseelt, aber deshalb selber noch keine antike Erschei-nung. Der Verstand erkennt und ergreift das Gegenwärtige, das er nichtleugnen will, dem er nicht entgehen mag, und so lenkt er mit allen Kräftendes antiken Geistes doch nur wieder in das moderne Leben ein. Dies ist ihmder unabweisliche Stoff, der ihm zum Verarbeiten vorliegt. Aber bei allemErnst und Eifer, der darauf mag verwendet werden, kann doch eine Unwürdeund Gemeinheit nicht verhehlt werden, die dem Heutigen, Täglichen, ebenweil es noch nicht für den Geist gesichtet ist, anhaftet, und dieser wird fürden Augenblick keine Hilfe finden, als sich kalt und ruhig dagegen verhalten.Diese Kälte und Ruhe herrschten durch Humboldts ganzes Wesen. Sie gabenihm, wo weltliches Übergewicht entgegenstand, großartige Fassung und Stand-haftigkeit, wo zu heiterer Tätigkeit Raum war, unendliche Freiheit des Witzesund der Laune, unerschöpflichen Scherz, der allen Gegenständen eine Geistes-lust abgewinnen, jeder ernsten Aufgabe ihr angemessenes Spiel gesellen konnte.In diesem leichten, scharfen und doch selten verletzenden Scherz, der nur diewenigst empfindlichen Spitzen der Dinge abschnitt, bestand Humboldts per-sönliche Eigenheit. Niemand war ihm hierin ähnlich; sein Mangel im Sprechen,daß er kein Seh aussprechen konnte, sondern nur immer S dafür sagte, gabdiesem Scherz äußeren Typus, mit dem er zusammenwuchs. Sonderbar istes noch, daß Humboldt nur im Sprechen, im Schreiben selten oder wenigscherzte. Im Schreiben wurde die kühle Klarheit, aus der im Sprechen seinScherz wurde, zum Stil, und von diesem überhaupt kann man sagen, er er-innere bei ihm an glänzende Eisgebilde, so frisch und nüchtern in ihrer Prachtund Schönheit, so scharf abschneidend mit dem Gedanken, so kristallinischdurchsichtig und fest, so sich selber gleich im kleinen Einzelnen und im massen-haften Ganzen, sind seine Phrasen und Perioden. Die innere Wärme verstecktsich unter der kalten Hülle, und wenn das unmittelbare Gefühl nur diese wahr-nimmt, so deckt und schützt sie doch meist nur ein zartes Wachstum, welchesin der offenen Glut der Sonne verdorren müßte.
Humboldt schrieb an Schiller: „Ich kann kaum der Begierde widerstehen, soviel nur immer und irgend möglich ist, sehen, wissen, prüfen zu wollen. DerMensch scheint doch einmal dazu da zu sein, alles, was ihn umgibt, in seinEigentum in das Eigentum seines Verstandes zu verwandeln, und das Lebenist kurz Ich möchte, wenn ich gehen muß, so wenig als möglich hinterlassen,das ich nicht mit mir in Berührung gesetzt hätte." (Karl Varnhagen van Ense,x 843.)
ALEXANDER VON HUMBOLDT
Wenn wir uns ins Wissen, in die Wissenschaft begeben, geschieht es denndoch nur, um desto ausgerüsteter ins Leben wiederzukehren; und so erscheint
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