Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
196
Einzelbild herunterladen
 

und auch hierin immer noch größere Kräfte nach Belieben entwickelnd, sodaß man in dem großen Reiche möglicher Aufgaben kaum wagen darf, einenPunkt anzudeuten, über den seine Fähigkeiten nicht hätten hinausreichenkönnen.

Von seinem Geiste kann in der Tat nicht groß genug gedacht werden. Erhatte diese Kraft in einem außerordentlichen Maße. Und obwohl mancheGegenstände sich ihm entziehen mochten, für manche sein Sinn fast verschlos-sen war, zum Beispiel für Ton und Farbe, und auch ganze Gebiete ihm ferne-lagen, wie die eines völlig abstrakten, in sich selbst zurückkehrenden Den-kens und einer überlieferten Religion, so tat dies der Allgemeinheit seinesGeistes doch keineswegs Eintrag; denn jene Gegenstände beschränkten ihnnicht eigentlich, sondern er begrenzte sie vielmehr für sich, ließ sie als unaus-gebeutet in dem großen Umfange seines Herrschens und Schweifens liegen,er konnte sich ihres Besitzes insofern noch immer versichert fühlen, als wenig-stens Gestalt und Bedeutung auch des Verschlossenen ihm geistesklar offenlag.

Wußte Humboldt in solchem Sinne auch das ihm Fremdartige noch zu be-wältigen, so durchschaltete sein Geist die Gegenstände, die ihm näher verwandtwaren, mit freier Meisterschaft und Leichtigkeit. In den Gebieten der an-gewandten Philosophie, der Altertumskunde, der Sprachwissenschaft, derbildenden Künste, im lebendigen Stoff der menschlichen Verhältnisse, derGesellschaft, des gesamten Staatswesens, da faßte und stellte er alles miteigentümlicher Macht, mit herrscherlicher Freiheit, da war seinem zerlegen-den Scharfsinn nichts undurchdringlich, seinem verknüpfenden Witze nichtsunfügsam; und obgleich nicht in dem Sinne produktiv, daß er neue metaphy-sische Systeme oder große dichterische Gestaltungen geschaffen hätte, so er-hob doch sein eindringender Geist aus jedem Stoffe, den er bewegte, gewißimmer ein wesentliches Ergebnis, das eine Förderung, den möglichst erlang-baren Ertrag, der wenigstens eine Wendung war. Welche Dialektik ihm dannzu Gebote stand, was für Hilfsmittel des Witzes, welche Erfindsamkeit inner-halb eines Gegebenen und aus diesem heraus, welche sichere, ausgebreitete,festgestampfte Kenntnis, die er doch beweglich handhabte und nach Bedarfoder Laune bald als mächtige Wand aufspannte, bald zur einbohrenden Spitzezusammendrängte, bald als umschließenden Ring so fest als leise zusammen-zog, dies alles in lebendiger Schilderung und in bezeichnenden Beispielendarzulegen, dürften wir den Reiz und die Macht Platonischer Gesprächsformherbeiwünschen!

Seine Geisteskraft beruhte hauptsächlich auf klarem Verstände, der in ihmauf die höchste Stufe gestiegen war, wo er für die andern Seelenkräfte stell-vertretend werden und ihre Leistungen annähernd nachbilden kann. DieBeschaulichkeit geheimer Stille, die Glut schaffender Einbildungskraft, jadie dunklen Mächte des Wahns und der Furcht erschließen sich hier. All eFähigkeiten des Menschen, wie verstreut nach verschiedenen Richtungen sieliegen, werden hier in Eine mächtig zusammengefaßt. Nachdem der großeGegensatz von Antikem und Modernem einmal unserer Vorstellung ein-gewurzelt ist und sich nun überall zur Anwendung drängt, haben wie eine hohe

196