Kraft Pöppelmanns zu würdigen. Es ist ein völlig persönlicher Stil, der ausden fremden Elementen eine gänzlich neue künstlerische Stimmung geschaffenhat. Zumal die Pavillons mit Treppen sind von beispiellosem Zauber. Seitdem Freiburger Münsterturme ist eine so gründliche Überwindung der Wanddurch frei ineinandergleitende Glieder und Öffnungen nicht dagewesen. JedeForm ist von sprühendem Leben gestrafft, und jedes Glied ist wieder Rahmenund Grenze für ein nächstes. Während die ganze zarte und kostbare Masse ingeschmeidig feinen Schwingungen sich nach außen biegt, ist sie zugleichvon innen her vollkommen aufgehöhlt, durchbrochen, luftig. Das ist seit1711 entstanden, ein Dutzend Jahre nach Schlüters Berliner Schloß! Es ge-hört in der Zeitstufe mit Hildebrandts Belvedere zusammen. Es teilt auch mitihm die Wärme und Farbigkeit der Erfindung, läßt aber das wienerische Werknoch hinter sich in der fessellosen Grazie der Phantasie. Das alles ist weitälter als das französische Rokoko 1 Gerade das entwicklungsgeschichtlich Er-staunliche daran war nur in einem Lande individueller schöpferischer Frei-heit möglich. Die französische Art läßt gewiß weniger Fehlschläge aufkommen,ihre künstlerische Schulung gibt gewiß selbst dem Schwächeren die Möglich-keit, etwas Verdienstliches zu schaffen. Die deutsche erlaubt nur dem Genie,vollendet zu sein; aber in ihren glücklichen Stunden vollbringt sie danndas fast Unmögliche und ist unmodern auch in dem stolzeren Sinne, daß sieder Zukunft vorgreift und sie überbietet.
In Dresden hätte der deutsche Barock eigentlich seinen schwersten Standhaben müssen. Chiaveris Hofkirche ist unter den italienischen und allen aus-ländischen Leistungen auf unserem Boden überhaupt eine der allerersten.Trotzdem haben nicht nur Pöppelmanns Werke, Zwinger und Brücke vorallem, die größte Standkraft neben ihr, sondern auch die Werke Georg Bährs,des Ratszimmermeisters von Dresden. In seiner Frauenkirche hat er einMeisterstück geschlossener Gesamtform geleistet, gerade ohne die Haupt-bewegung im Ornamentalen mit ausschwingen zu lassen. Der unsterblicheWert des Gebäudes liegt doch wohl nicht in der Lösung des Problems einerprotestantischen Predigtkirche; er liegt ganz wesentlich im Aussehen, in demlebensvollen Umriß der Masse, der sich von dem reichen Stadtbilde Dresdenszuletzt doch als das Unvergeßlichste von allem einprägt und weithin in derganzen Landschaft noch das stärkste Wort spricht. Es ist eine in hohem Gradeunabhängige Form von Zentralbau, ganz undenkbar in Frankreich — obwohldie trockeneren Einzelformen unzweifelhaft nordwestlich wirken —, dumpfvorbereitet vielleicht in Pozzos Lateransentwurf, aber im Ganzen völlig neuund etwas ganz Seltenes: nämlich graziös und monumental zugleich. DasEigenartigste ist der glockenförmige Ablauf der Kuppel gegen den Unterbau— kein gewaltiges Sich-Recken wie bei Michelangelo, sondern ein geschmei-diges Emportauchen, aber doch erst in einer Welt möglich, die durch Michel-angelos Willen, auch Riesenmassen wie mit der Hand zu modellieren, um-geformt worden war. (Wilhelm Pinder, Deutscher Barock, 1913.)
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