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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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DER ALTE WIELAND

Wieland war ganz eigentlich für die größere Gesellschaft geboren, ja, die größtewürde sein eigentliches Element gewesen sein; denn weil er nirgends obenanstehen, wohl aber gern an allem teilnehmen wollte und über alles mit Mäßi-gung sich zu äußern geneigt war, so mußte er notwendig als angenehmer Ge-sellschafter erscheinen, ja, er wäre es unter einer leichtern, nicht jede Unter-haltung allzu ernst nehmenden Gesellschaft noch mehr gewesen.Denn sein dichterisches sowie sein literarisches Streben war unmittelbar aufsLeben gerichtet, und wenn er auch nicht gerade immer einen praktischenZweck suchte, ein praktisches Ziel hatte er doch immer nah oder fern vorAugen. Daher waren seine Gedanken beständig klar, sein Ausdruck deutlich,gemeinfaßlich; und da er, bei ausgebreiteten Kenntnissen, stets an dem In-teresse des Tags festhielt, demselben folgte, sich geistreich damit beschäftigte,so war auch seine Unterhaltung durchaus mannigfaltig und belebend, wie ichdenn auch nicht leicht jemand gekannt habe, welcher das, was von andernGlückliches in die Mitte gebracht wurde, mit mehr Freudigkeit aufgenommenund mit mehr Lebendigkeit erwidert hätte.

Bei dieser Art zu denken, sich und andere zu unterhalten, bei der redlichenAbsicht, auf sein Zeitalter zu wirken, verargt man ihm nun wohl nicht, daßer gegen die neuern philosophischen Schulen einen Widerwillen faßte. Wennfrüher Kant in kleinen Schriften nur von seinen größeren Ansichten prälu-dierte und in heiteren Formen selbst über die wichtigsten Gegenstände sichproblematisch zu äußern schien, da stand er unserm Freunde noch nah genug.Als aber das ungeheure Lehrgebäude errichtet war, so mußten alle die, welchesich bisher im freien Leben dichtend sowie philosophierend ergangen hatten,sie mußten eine Drohung, eine Zwingfeste daran erblicken, von woher ihreheitern Streifzüge über das Feld der Erfahrung beschränkt werden sollten.Aber nicht allein für den Philosophen, auch für den Dichter war bei der neuenGeistesrichtung, sobald eine große Masse sich von ihr hinziehen ließ, viel, jaalles zu befürchten. Denn ob es gleich im Anfang scheinen wollte, als wäredie Absicht überhaupt nur auf Wissenschaft, sodann auf Sittenlehre undWas hievon zunächst unabhängig ist, gerichtet, so war doch leicht einzusehen,daß, wenn man jene wichtigen Angelegenheiten des höheren Wissens und dessittlichen Handelns fester, als bisher geschehen, zu begründen dachte, wennrnan dort ein strengeres, in sich mehr zusammenhängendes, aus den Tiefender Menschheit entwickeltes Urteil verlangte, daß man, sag ich, den Geschmackauch bald auf solche Grundsätze hinweisen und deshalb suchen würde, in-dividuelles Gefallen, zufällige Bildung, Volkseigenheiten durchaus zu beseitigenu "d ein allgemeineres Gesetz zur Entscheidungsnorm hervorzurufen.Dies geschah auch wirklich, und in der Poesie tat sich eine neue Epoche her-vor, welche mit unserem Freunde, so wie er mit ihr, in Widerspruch stehen mußte.Von dieser Zeit an erlebte er manches unbillige Urteil, ohne jedoch sehr davongerührt zu werden, und ich erwähne dieses Umstands hier ausdrücklich,w eil der daraus in der deutschen Literatur entstandene Konflikt noch keines-wegs beruhigt und ausgeglichen ist, und weil ein Wohlwollender, wenn er

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