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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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ideale Gebiet der Denkfreiheit, der Aufklärung, der geistigen Entwicklungdes Individuums zurückgezogen hat.

Daher haben die Bestrebungen dieser beiden Männer selbst da, wo sie schein-bar sich in der gleichen Richtung bewegen, dennoch einen wesentlich ver-schiedenen Charakter. Sowohl Leibniz als Thomasius zeigten sich eifrigbemüht, die deutsche Muttersprache in ihre Rechte wieder einzusetzen, allein,was Leibniz bekämpfte, war vornehmlich die Entstellung des Deutschendurch die Aufnahme fremdartiger Elemente aus andern modernen Sprachen(ein Verfahren, welches seinen Nationalstolz verletzte) — Thomasius eifertegegen den übermäßigen Gebrauch der alten oder toten Sprachen (mit welchemübrigens auch Leibniz nichts weniger als einverstanden war), und er tat dies,weil er darin ein Zeichen gelehrter Pedanterie und ein Hindernis allgemeinerVerbreitung der Wissenschaften und der Bildung erblickte. Leibniz schriebselbst zwar kein ganz reines, aber doch ein für die damalige Zeit verhältnis-mäßig gutes Deutsch, bisweilen von einer Kraft und Einfachheit, welche andie klassischen Zeiten der Reformation erinnert, — der deutsche Stil desThomasius ist nur zu häufig unschön, nachlässig in der Form, schwerfälligim Periodenbau, altmodisch und doch auch wieder mit ausländischen Phrasenund Wendungen auf ziemlich geschmacklose Weise buntscheckig unter-mischt. — —

Der nationale Sinn leitete Leibniz bei seinen großartigen geschichtlichenStudien; für ihn war die Geschichte des Reichs und seiner einzelnen Teilesowie eine möglichst stetige Entwicklung der Gegenwart aus der Vergangen-heit der wesentlichste Zweck der Geschichtsforschung. Thomasius betrachtetedie Geschichte als eine Sammlung von Beispielen oder Beweisstücken zuden Aussprüchen der kritischen Vernunft, und er legte daher auf die Geschichtedes menschlichen Geistes, der Religion und der Philosophie einen ungleichgrößern Wert, als auf die Geschichte der äußern Schicksale der Völker oderder Politik der Kabinette.

Das Ideal Leibnizens auf kirchlichem Gebiete war eine Wiedervereinigungder getrennten Konfessionen, von welcher er zunächst eine Beseitigung derunseligen Spaltung Deutschlands, weiterhin die Verwirklichung seiner hoch-fliegenden Ideen von einem christlich-germanischen Weltreiche zu erwartenschien. Thomasius ging viel nüchterner, aber viel praktischer zu Werke,indem er Duldung und Gewissensfreiheit für den Einzelnen erstrebte und zudem Ende auf eine möglichst scharfe Trennung zwischen dem weltlichen unddem geistlichen Gebiete drang. Aus dieser Verschiedenheit der Auffassungs-weisen erklärt es sich, daß, obschon beide Männer im lutherischen Glaubenerzogen und von Hause aus demselben aufrichtig zugetan waren, doch der eine,von Bewunderung für den organischen Bau der katholischen Kirche ergriffen,beinahe zum Übertritt in dieselbe verleitet ward, während der andere sich jelänger je mehr zu den freieren Grundsätzen der Reformierten hinneigte.Wie in ihren Zwecken, so wichen diese beiden vornehmsten Repräsentantendes deutschen Geistes der damaligen Zeit auch in der ganzen Art und Weiseihres Wirkens wesentlich voneinander ab. Leibniz erblickte den sicherstenWeg zur Durchführung großer, gemeinnütziger Reformen teils in dem unmittel-

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