konnte, in sich die umfassende Ganzheit zu bieten. Aber er hat nichts vomprotestantischen Pathos — sondern wertet die Einzelformen der lutherischenFrömmigkeit nur, insofern sie der kräftige Ausdruck ursprünglichster Christ-lichkeit sind. Ja, wir wagen zu denken, daß in diesem thüringischen Orgel-meister das gesamte Christentum seine irdische Laufbahn vollendete. Nach-dem sich das Reich Gottes zur Erde gesenkt und dort Entzückung und Ver-zweiflung, höchsten Schwung und tiefste Zerknirschung erregend eine Füllemenschlicher Lebensformen befruchtet und erzeugt hatte, scheint es sichwieder aus den sinnlichen Banden zu lösen und zu seinem reinen und stillenLichte zurückzuwallen. In der Seele des Schlichten und Starken, des Innigenund Glühenden begeht es seinen irdischen Abschied unter Klängen und ver-liert sich, heimlich und unbemerkt wie eine leise Flamme, aus den menschlichenWechselchören in den ewig sicheren Gang der Gestirne. (Erich Wolff undCarl Petersen, Das Schicksal der Musik von der Antike zur Gegenwart, 1923.)
LEIBNIZ UND THOMASIUS
Es kann kaum einen merkwürdigeren Gegensatz geben, als den zwischenLeibniz und Thomasius. Beide waren reformatorische Genies, aber von derverschiedensten Art. Leibniz hatte bei seinen Reformplänen immer eingroßes Ganzes vor Augen, die Nation, die Wissenschaft, die Menschheit odergar das unendliche Reich der Geister, die „Stadt Gottes", — Thomasius be-schäftigte sich vorzugsweise mit dem einzelnen Menschen, seinen Leiden-schaften, seinen Bedürfnissen, seinem Fortkommen und Wohlergehen indiesem irdischen Leben. Leibniz strebt überall nach positiven, organischenSchöpfungen und wendet seinen ganzen Scharfsinn daran, das Neue mit demAlten zu vermitteln und das Bestehende zugleich fortzubilden und zu erhalten,— Thomasius hat seine Hauptstärke in der Kritik, in dem Raumschaffen fürneue Bildungen, in dem Durchbrechen und Niederreißen der beengendenSchranken, welche Herkommen, Vorurteil und blinder Autoritätsglaube demvorwärtsstrebenden Menschengeiste setzen. Leibniz glaubte noch an dieMöglichkeit einer Wiederbelebung und Kräftigung des hinsterbenden deut-schen Reichskörpers, und seine eifrigsten, freilich auch erfolglosesten Be-strebungen gingen nach dieser Seite hin, — für Thomasius gab es ein so hohesZiel schon nicht mehr; seine Bemühungen richten sich nur auf das Nächste,gleichsam vor den Füßen liegende, auf Verbesserungen der Einzelzustände>n Bildung, Gesittung, Wissenschaft und Rechtspflege. Leibniz erscheint alsder letzte Repräsentant einer Zeit, in welcher der Gedanke nationaler Ein-heit und großer Gemeininteressen auf den Gebieten des öffentlichen Lebens,Wenn schon in den äußeren Schicksalen der Nation bereits zuschanden ge-worden, doch in den Gemütern einzelner Höhergesinnter sich noch immermit der ganzen Macht einer wertgehaltenen Tradition behauptete und gegenden hereinbrechenden Sieg des Partikularismus und der Gesinnungslosigkeitden letzten, verzweifelten Kampf wagte, — mit Thomasius dagegen beginnteine Periode unseres deutschen Kulturlebens, für welche diese Fragen völligabgetan sind und wo der ganze Drang des Reformierens sich auf das geistige,
12 Wolters, Der Deutsche. IV, 2. jnn