den unbegreiflichen Anblick einer letzten und höchsten Erfüllung des christ-lichen Gesetzes durch eine ganz freie und gelöste christliche Seele haben.In den Orgelformen kann sich diese Spannung großartig lösen, weil sie dieschwierigsten Aufgaben stellt. Aber wenn Bach in seinen Passionen und Kan-taten mit menschlichen Stimmen, in seinen Konzerten und Suiten mit Instru-mentalstimmen arienhafte Spiele treibt, so ist er zwar nicht so gedrängt, aberdem Wesen nach nicht minder innig in Gottesglut verstrickt, als bei den Tönender Orgel. Auch in seinen leichtesten weltlichen Tönen, in deren Anmut er allesRokoko übertrifft, ist kein einziger Ton, der nicht von religiöser Entzückungbebte. Auch im Technischen drückt sich diese grundchristliche Ergriffenheitaus. Bach beherrscht natürlich alle ihm durch seine Zeit überlieferten har-monischen Formen und Regeln. Aber ohne jede bewußte Absicht, nur derinnersten Wucht seines Wesens folgend, drängt er zu der rein christlichenpolyphonen Bewegungsmusik zurück. Er führt die Zweiheit von Generalbaßund Singstimme wieder in das untrennbare Bewegungsspiel der Einzelstimmenhinein. Hiermit soll nicht gesagt sein, daß er in der greifbaren Form Ände-rungen hervorruft und etwa das harmonische Gefühl aufgibt, ebensowenigwie Josquin die organischen Stimmen äußerlich in die pneumatischen zurück-verwandelte. Aber ebenso wie dieser durch die meisterhafte Beherrschungder Zeitmittel renaissancehaft die altchristliche Leichtigkeit erneuerte, so ver-mag Bach den ihm gegebenen Klangkörper durch seine persönliche Kraftfüllenoch einmal ganz zum Träger vielstimmiger Bewegung umzudeuten. Dabeikann es dann vorzüglich in seinen Orgelwerken oft nicht an der kühnstenGleichgültigkeit gegen harmonische Gewöhnungen fehlen. Aber die heutigenHarmoniker und Bachliteraten mißverstehen solche Kühnheiten im Kerne,wenn sie darin harmonische Effektabsichten wittern und Bach somit zum Fort-führer des harmonischen Stiles stempeln. Ebensogut könnten sie im vorkaro-lingischen und karolingischen Zusammensingen noch ungehobene harmoni-sche Genüsse entdecken — denn mit diesen ist Bach geheimnisvoll einer Art.Durch alle Zeit- und Sittenferne hat er sich etwas von der germanischen Grund-spannung erhalten und sich nicht durch spätere Rücksicht auf Akkordfarbenin den höchsten Schwüngen ursprünglichen Zusammensingens hemmen lassen.Damit wurde er zur einsamsten und unverstandensten Figur der Musikge-schichte. Von einem recht engen Kreis von Zeitgenossen kaum mehr alsäußerlich bewundert, wurde er nach seinem Tode mit unheimlicher Schnellig-keit vergessen, und auch nicht die leiseste Wirkung seines Stiles ist irgendwozu verspüren. Selbst seine musikalisch so begabten Söhne müssen in seinemZauberkreis aufgewachsen sein, ohne auch nur einen Hauch davon zu ahnen:denn gerade sie haben die von Bach wie durch Abgründe getrennte Gesell-schaftsmusik ihrer Zeit glänzend weitergeführt. Also ist Bach, an Frucht-barkeit wohl der größte Musiker aller Zeiten, der einzige, dessen Töne nur fürihn selber erklangen. In diesem Schicksal sehen wir die wunderbare Bestäti-gung seines ganzen Wesens. Durch die Kraft seiner Seele hat er das christlich-germanische Menschentum zum letzten Male in seiner tönenden Ganzheitheraufbeschworen, als Einzelner die katholische Kirche erfüllt. Protestantmußte er sein, da auch der erstarrteste Katholizismus keiner Person gestatten
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