für seine Aufgabe, durchdrungen von ihrer Notwendigkeit, mit sachlichemEifer und persönlichem Ehrgeiz übernahm er von Vorgängern — besondersScaliger und Ronsard — Kenntnisse und Grundsätze, und die Sprüche der Altenbald als Orakel, bald als Zierat: doch alles ist selbständig ausgewählt undzweckmäßig ausgeführt, der deutschen Sachlage angepaßt, klar, leicht, über-legen bis zur Ironie und trotz schulmeisterlichem Zeitton lebhaft, beinahejugendlich . . das bedeutende Zeugnis einer dürftigen Zeit, die nichts „Schöp-ferisches" wollte, sondern Anweisungen zum richtigen Gebrauch geistigerAnlagen. Das hat Opitz für die deutsche Sprache zuerst grundsätzlich ge-leistet, und der unhistorisch gedachte Vorwurf der Oberflächlichkeit oder Kom-pilation tut ihm so unrecht wie etwa dem Cicero. Beide hatten Bildung nichtzu schaffen, sondern zu übertragen. Dazu gehört nicht Tiefe, sondern Takt,Überblick und Verstand. Was seiner Zeit nötig und möglich war, hat er ver-wirklicht: nach schlaffer Verwilderung ohne Fülle eine gewisse Zucht undWürde. Kraft und Schönheit lassen sich nicht rufen. Doch aus einem Bil-dungswirrwarr Muster und Ansprüche holen, den Sinn für Farben- und Form-feinheiten wenigstens wecken, für sprachliche Gediegenheit, den Anschlußdes krausen Deutsch an den europäischen Geist wenigstens versuchen: daswar auch etwas, und vier Menschenalter haben es Opitz gedankt, wie wirnoch heute Lessing danken, daß er uns den Sinn geschärft für Maße, Zwecke,Grenzen, Gründe, auch wo seine Maße und Zwecke uns fremd, seine Gründeirrig, seine Grenzen zu eng sind.
Keine zweite Schrift der deutschen Literatur, die sich nur an den Verstandwendet, hat so eindringlich und nachhaltig gewirkt wie das Buch von derTeutschen Poeterey. Die deutsche Alexandrinerpoesie bis in Goethes Jugend-dramen hinein wird davon beherrscht, alle deutsche Kunsttheorie bis Lessingeinschließlich davon bedingt. Erst Klopstock und Herder haben den Banngebrochen. — —
Wie sein Buch von der Poeterey die Regel, so gaben seine Poemata die Muster.Die von ihm gepflegten Gattungen bestimmten ganze Poetengeschlechter,nicht nur im Lehr- und Anlaßgedicht, in den sogenannten „Wäldern" hater fortgewirkt: selbst eine zufällige Arbeit, wie seine Dafne, ein Festspiel nachitalienischem Muster, zur Musik von Heinrich Schütz, ward das Vorbild derdeutschen Oper, mit ihrer Verknüpfung von Mythologie, Sprachziererei undKlangreiz gleichsam das erste „Gesamtkunstwerk", die erste Geburt aus derEhe zwischen Musik und Literatur. Noch war der Poet hier der Führer desMusikers: er gedachte nicht nur das Gelehrte, sondern auch das Reizende desSpiels selbst zu liefern. Mit der Wortkunst, nicht mit der Tonkunst, beginntdie Geschichte der deutschen Oper, und erst allmählich überwucherte derReiz den Sinn, der Klang das Wort.
Wo Opitz hintrat, blieben in der deutschen Verskunst seine tiefen Spuren.Kaum Goethe hat so allanerkannt als „Meister" gewirkt. Fleming, der Opitznicht nahstand, und den er nicht gefördert, ruft ihm ins Grab nach:Du Pindar, du Homer, du Maro unsrer Zeiten!O ewiglicher Schatz und auch Verlust der Welt,Die Welt hat wahrlich mehr nichts Würdigs zu beschrieben.
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