Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
162
Einzelbild herunterladen
 

Griechenland ist über die Alpen gezogen!" da er Reuchlin hörte. GeboreneRömer hörten ihn, einen Schwaben, mit Lust Latein sprechen. Nach Orienthin hat er uns die Türe geöffnet, zu den verschlossenen Heiligtümern desWorts Gottes und der morgenländischen Weisheit den verödeten Weg wiedergebahnet, Morgenland nicht bloß wiedergefunden, sondern auch verfochtenbis ans Ende seines Lebens, und es von dem ihm gedroheten Untergange als

ein Held, der sich aufopferte, gerettet.--------Wem dies alles noch zu wenig

sein möchte, einen Mann von solchem äußern Verdienst zu ehren, dem würdealle Predigt über seine innere Größe wenig behagen.

Und doch bleibt diese wohl der edelste Zug seines Charakters: die Seele näm-lich, womit er all jene Verdienste sich erwarb und beseelte. Es herrscht inseinen Aufsätzen, selbst bis auf seine Vorreden (zum Beispiel zu seinem ebrä-ischen Wörterbuch an seinen Bruder), seine Verteidigungen der Kabbalaund der Rabbinen, eine Stille und Tiefe des Geistes, die da zeigt, daß erdie Perle funden habe, und über die Schalen und Hüllen der Wissenschaftihren Kern gekostet. Seine Briefe und sein Betragen zeigen eine außerordent-liche Mischung tiefer Stärke und heldenmäßiger Bescheidenheit, nachgebenzu können, als ob er nichts wäre, und ein unüberwindlicher Fels zu sein fürRecht und Wahrheit. Er sah die Literatur, zumal die morgenländische, an,wofür man sie ansehen sollte, hatte tiefes Gefühl für ihre innere Kraft, Gott-heit und edle Einfalt. Selbst wo er, zu nahe den Rabbinen und der damalsblühenden platonisch-pythagoreischen Philosophie, uns überspannt scheint,sieht man den Menschen von Kraft und Weisheit. Auch den Streit gegen diePfefferkorne und Konsorten hielt er nicht als Gelehrter aus, sondern als Mannvon Recht, Pflicht, Wahrheitsliebe und mildem Vatergefühle. (Herder, ZuReuchlins Bilde, 1777.)

LUTHER ZWINGLI CALVIN

Luther hatte nicht jene Universalgelehrsamkeit, womit Erasmus glänzte, aberer hatte und erwarb noch die zu einer Kirchenreformation nötige Kenntnisder Religionsquellen und einen Sinn für das Wahre, der ihn in seiner Gradheitweiter brachte als die mühsamsten Untersuchungen, dabei eine feurige, kraft-volle Imagination, nicht Werk der Erinnerung gelesener Dinge, sondern seinesGefühls, eine sehr populäre Beredsamkeit, eine Gewalt im Gebrauch der deut-schen Sprache, wie keiner seiner Zeitgenossen; dabei war er voll Vaterlands-liebe und in Behauptung erkannter Wahrheit ein Held. Auch gab er halbDeutschland eine neue Seele. Dieser so heftige Mann war, solange er lebte,der Schutzengel des Friedens, kaum war er tot, als der Religionskrieg aus-brach. Seine Freimütigkeit gab ihm bei allen Fürsten seines Glaubens dasgrößte Ansehen, er verhehlte nie, was ein Hof gegen das Wohl seines Landesvorzunehmen schien, seine Lehre für den Adel und den Bauer war deflPflichten eines jeden Standes gemäß. Den sanften Melanchthon, seinen Mit-arbeiter, liebte er und bewunderte dessen größere Gelehrsamkeit. Gegnermochte er verdammen, aber er erlaubte sich nicht, wie Calvinus, sie zu ver-folgen. Unüberwindlich standhaft vor Kaiser und Reich und gegen alle Macht

162