EKKEHARDT
Nicht treibt die Not und Unruhe des vielspältigen Daseins diesen Mystiker inVielheitsflucht zum grundlosen Meer, der stillen Wüste der Gottheit; sondernsein Sehnen, seine Liebe zu allem was ist, bleibt ungestillt, solange Vielheitherrscht und Gegensatz. „Wo zwei sind, da ist Gebreste. Warum? Eines istdas andre nicht; das Nicht, das da macht Unterschied, das ist Bitterkeit." Sosoll das „Nicht" vergehn, nicht aber die Fülle, der Reichtum in aller Mannig-faltigkeit. Die Welt des weiten Raumes wird verlassen um dessentwillenwas an ihr „Enge" ist und hemmendes Abschließen; in der Gotteinheit undihrer „innersten Inwendigkeit" ist Weite ohne Weite, sie ist „weiter dann dieWeite, unbegriffener Weite ein Umbering". Ebenso ist im ewigen Jetzt dieserEinheit die „Fülle der Zeit" beschlossen, ein ewig Grünen und Blühen,wie nie etwas „müde und alt", nie Vergangenheit wird. „Tut das Nicht vonallen Kreaturen, so sind alle Kreaturen eins" — „in Gott ist nicht Nicht",in ihm sind „alle Ding in all und all geeinigt". Das Eine also ist nicht abstrakteLeere des Nichts, sondern in der Vernichtung aller Unterschiede gerade diekonkrete Fülle. Gott ist nicht Gegensatz zur Welt, sondern die Einheit ihrerGegensätze; in ihm sind alle Kreaturen, alle Dinge zumal und ungeteilt. Die>,widersatzunge, lieb und leit, wiz und swarz" durchdringen einander, ver-lieren die Fremdheit, zerschmelzen in der einen Wesensfülle. Vor allem Viel-heitssein liegt diese allbeschließende Einheit als das Absolute.Wie aber wird daraus die Welt? Ist Vielheit Abfall, Spaltung, die ins Dunkelführt, dem Licht den Kampf aufzwingt? Treibt das Geschiedne, treibt dieKreatur nach ihrem Wesen ab vom Gottesstrom, der Ungeschiedenheit istund bleibt? So daß nun doch ein Gegensatz wieder entsteht, der unaufheblichbleibt: Gott und die gottentfremdete Welt? — Ekkehardt knüpft an die altenLehren von der Trinität, die den Gedanken vom Abfall zuerst überwundenhatten, an. Da ist schon, in gewissem Sinne, Vielheit — vor der Welt, voraller Schöpfung; das Miteinander der Personen, die doch eins sind. Hier istes offenbar, daß solcher „Ausfluß" aus der Ureinheit nicht Gottentfremdungist, Hinuntersteigen in eine andere Ebene. Vielmehr (und darauf hatten vieleZenker seit den Kirchenvätern hingewiesen): in dieser Trennung — die dochkeine Trennung wirklich ist — kommt erst die Eine Gottheit zu sich selbst,erkennt im Sohn den Vater, offenbart sich! So ist für Ekkehardt dies jetztein innergöttlicher Prozeß, ein ewiger Fluß, der in sich selbst zurückfließt.>>Gottes Gewerden ist sein Wesen." Daß die eine Gottheit, die in ihrer stillenWüste noch „sich selber Unbekannte", zu sich selbst kommt, sich erkenntUr »d „ausleuchtet mit Offenbarungen" im Sohn, der das Bild des Vaters ist,"— das ist der hohe Sinn dieses ewigen Geschehens der Trinität, dieser Dreiheit,d ie nicht Verlust bedeutet, Abfall, Abschwächung, sondern die erst das WesenLottes ganz zum Austrag bringt. Evolution und Emanation fallen hier gleich-sam zusammen: ein Werden und doch kein Aufstieg aus dem Niederen; einAusstrahlen aus der Einheitsfülle und doch kein Absteigen. —^nd nun ist dies die große Wendung in der Fassung des Weltbegriffes: daßder Gedanke unverkürzt sich überträgt auch auf die „Kreaturen", auf die
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