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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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punkten des Erfolges nie zu weit ging, immer seine Forderungen ängstlichabmaß und den realen Kräften anpaßte. Er entwaffnete eben hierdurch seineheimischen und fremden Gegner, die er durch anderes Benehmen aufs äußerstegetrieben und damit wieder gestärkt hätte. Allein seine Mäßigung gegen Öster-reich und die süddeutschen Staaten hat den Weltfrieden so lange erhaltenund das Deutsche Reich möglich gemacht. Allein seine taktvolle Vorsichtgegenüber den kleinen Dynasten hat diese aus Feinden der deutschen Einheitzu ihren Stützen gemacht. Allein seine Mäßigung in der Verfassungsfragehat den Verfassungskonflikt so glücklich beendigt, daß man heute sagen kann,dieser habe die Monarchie und die Verfassung zugleich befestigt. Er erscheintso häufig als ein vorsichtiger, weiser Kunktator. Im rechten Moment einkämpfender Löwe, tritt er im folgenden wieder als ein harmlos friedlicherMakler, Nachbar und konstitutioneller Minister auf. Diese seltene Eigenschaft,durch die er seinem Könige und seinem Vaterlande, wie gesagt, vielleicht ammeisten nützte, hing ebenso mit der Struktur seines Intellekts als mit demWesen seiner Willens- und Gemütskräfte zusammen.

Bismarck wußte unglaublich viel. Er hatte an schöner, historischer, all-gemeiner Literatur unendlich viel gelesen; er hatte das staunenswerteste Ge-dächtnis, das ihn bis in sein hohes Alter nie verließ; er hatte das lebendigste,anschaulichste Denken. Daher der Reichtum seiner Bilder, das Lebensvolleseiner Briefe und Denkschriften; er wird einer der größten Prosaisten des19. Jahrhunderts bleiben. Aber seine Schule war das Leben gewesen, nichtdas Lesen in den Akten und Büchern. Alles abstrakte Denken und Schließenwar ihm fremd, ja unbehaglich. Er hatte als Student nicht hinter den Bücherngesessen, hatte dann als Landedelmann sich seines Daseins gefreut wie oftrühmt er sich jener göttlichen Faulheit, mit der er die Zeit in Wald und Wiesedurchträumt habe; die Tintenscheu erscheint ihm als die natürliche Eigen-schaft des vornehmen, gebildeten Mannes. Er war fast 40 Jahre alt, als er siein seiner Eigenschaft als Gesandter gründlich überwinden mußte. Alle Men-schen, die von Jugend auf nur Bücher studierten, schrieben, drucken ließen,vom Schreiben lebten, mit allgemeinen Ideengängen die Welt lenken zu könnenglaubten, erschienen ihm verdächtig, auf falschen Wegen. Von ihrer Herr-schaft die Welt oder wenigstens den preußischen Staat zu befreien, war ihmeine der wichtigsten Lebensaufgaben. Ich möchte sagen, er habe imbesten Sinne des Wortes einen Bauernverstand gehabt. Was er nicht selbstgesehen, nicht mit Händen getastet hatte, das existierte gar nicht für ihn.Bei den Beratungen im Staatsrat, wobei ich die einzige Gelegenheit hatte,ihn stunden- und tagelang zu beobachten, war der Haupteindruck für michder, wie gänzlich wirkungslos die schönsten, auf allgemeine Theorie auf-gebauten Reden von Gneist und anderen an ihm abprallten. Derartiges machteso wenig Eindruck auf ihn, als wenn die Betreffenden chinesisch gesprochenhätten, während ein einziges praktisches Beispiel, zumal ein solches aus derSphäre seiner Lebenserfahrung, ihn sofort überzeugte. Die praktische Erfah-rung war ihm alles, in der Theorie sah er nie summierte Erfahrung, sondernwertlose Abstraktion, irrende Spekulation. Er hielt eben deshalb nie an irgend-einer Theorie und Meinung starr fest, das praktische Leben und seine Beob-

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