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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
145
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parlamentarischen Debatten mit Lasker, mit Windthorst, mit Richter und denSozialdemokraten hat er oft über Kleinigkeiten, über Dinge, die dem Un-befangenen als Mißverständnisse erscheinen müssen, mit einer Leidenschaftgestritten, daß man nicht mit Unrecht sagte, er habe mit Kanonen nach Spatzengeschossen. Sein Feuergeist konnte, wenn er gereizt war, nur mit Donner undBlitz, mit Keulenschlägen und Dolchstichen antworten. Er hätte sich vieleserleichtert, wenn er im ersten Moment so ruhig und objektiv gewesen wärewie er es nachher werden konnte; oft hat er freilich die Leidenschaft für Mo-nate und Jahre festgehalten; aber er wäre ohne solche starken, heftigen Ge-fühle wohl auch nicht der Held gewesen, der, lange ehe er Minister wurde,sagte, er werde sein todkrankes Vaterland ferro et igni heilen. Diese Aus-brüche der Leidenschaft hingen mit seinem tiefen und reichen Gemütsleben,seinem feinen Nervensystem, seiner überquellenden geistigen Lebenskraft

aufs engste zusammen.-------

Daß er die Wärme seiner Empfindungen auf wenige Punkte konzentrierte,steht nicht in Widerspruch, sondern in Übereinstimmung mit der Tatsache,daß er im übrigen die Menschen verachtete und sie mit der Eiseskälte desSchachspielers behandelte, der seine Partie gewinnen will. Große Menschen-kenntnis, gesammelt an hoher Stelle, an die sich die Mehrzahl der Menschenschmeichelnd, bettelnd, mit Eitelkeit und allen gemeinen Instinkten heran-drängen, hat stets die Menschenverachtung erzeugt. Nur sentimentale Män-ner ohne Weltkenntnis und weichherzige Weiber, die keine großen Pflichtenim engen Kreise erfüllen, haben ein Herz für jedermann. Wer Großes aufirgendwelchem Gebiet erreichen will, muß sein Herz an bestimmter Stelleverschließen, um die Kraft für das Wesentliche zu sammeln. Ohne eine ge-wisse Kälte und Härte ist ein großer Staatsmann so wenig zu denken, als ohnedie Kunst, die Menschen unter Umständen zu täuschen und rücksichtslos dieguten und schlechten Mittel für die höchsten Zwecke einzusetzen, mit allenvirtuosen Künsten der Diplomatie dem Vaterlande zu dienen. Bismarckgleicht hier ganz Friedrich dem Großen, nur daß er, die hergebrachte Manierdiplomatischer Täuschung verschmähend, mit meist verblüffender Offenheitzuwege ging; er verzichtet damit freilich nicht auf die von ihm genial gehand-habte Kunst, die Feinde Preußens zu überlisten und zu überraschen und auchin der inneren Politik seine Gegner und seine Werkzeuge mit überlegenerkalter Berechnung so zu behandeln, so ins Garn zu locken, so auszuspielen,wie es für seine Zwecke nötig war. Wer derartiges einem leitenden Staats-mann vorwirft, kennt die Welt nicht. Daß aber mit diesen unentbehrlichenstaatsmännischen Eigenschaften gewisse menschliche Schwächen und Ein-seitigkeiten gegeben sind, wird sich nicht leugnen lassen. Das Wohlwollengegen andere wird sich meist bei solchen Männern in engen Grenzen bewegen;Anerkennung für fremdes Verdienst ist nicht leicht zu finden; Gerechtigkeitgegen Gegner ist fast nicht möglich; in den Feinden sieht man nur SchurkenUnd Dummköpfe, wie das ein so genauer Kenner Bismarcks, Freiherr

v on Tiedemann, als wesentliche Charakterzüge hervorhebt.--------

Es liegt vielleicht seine Hauptgröße darin, daß er bei einem titanenhaften Willenu nd fast herkulischer Leidenschaft maßvoll zu handeln verstand, auf den Höhe-

'0 Wolters, Der Deutsche. IV, 2.