Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
143
Einzelbild herunterladen
 

Seit Luthers Tagen haben wir keinen solchen Volksmann gehabt, keinen wort-gewaltigeren Warner und Lebenswart, keinen geisterfüllteren Zeitkritiker,keinen herzvolleren Erzieher. Er war kein Mann vom Ausmaß unserer klas-sischen Dichter, kein Urgeist mit neuen Schöpfer- oder Wendegedanken, aberunter den Deutern der ursprünglichen Kräfte, unter den Mittlern zwischenschöpferischer Natur und erzieherischer Bildung ist er der volkhaftigste, derrnannhaftigste, der verständigste . . . einer der wenigen nicht nur maßgeben-den oder wirksamen, sondern auch vorbildlichen Deutschen. (Friedrich Gun-dolf, Ernst Moritz Arndt, Rede von 1920.)

METTERNICH

Das Erbgut einer längst verschwundenen Zeit hat ihn bis ans Ende geleitet:Vernunft und Weltbürgertum. Er hatte als Politiker einem Weltprinzipe ge-lebt und durfte nach dem bittersten Tage, dem 13. März 1848, mit Rechtschreiben, er habe sein Leben der Aufrechterhaltung einer Sache und überdiesdem Erhalten eines großen Reiches gewidmet, das immer dieser Sache gedienthabe. Der Realismus des Nationalstaates verdrängte sein staatliches Gleich-gewichtssystem: es berührt wie ein Sinnbild der Wende zweier Zeiten, daßBismarck im Jahre 1851 den alten europäischen Mann auf Schloß Johannis-berg besucht hat.In wessen Händen", so fragt Metternich einmal,liegtdas Schwert, welches den Knäuel zu durchhauen vermag?" Bismarck zer-brach die Einigkeit der deutschen Mittelmächte, er löste die deutsche Frageohne und gegen Österreich und löste das für Metternich unlösbare Rätsel,wie man ein deutsches Parlament über deutsche Parlamente stellen könne.Und in Brüssel kam zu dem Flüchtling ein anderer, gleichfalls in die ZukunftWeisender Mann: Louis Blanc, ein Herold der Nivellierung der Gesellschaft,des Radikalismus, als dessen Vorläufer Metternich den Liberalismus stetsbefehdet, des sozialen Umsturzes, dem er das Prinzip des gesellschaftlichen Er-haltens gegenübergestellt hatte. So traten ihm die beiden großen Ideenmächte,verkörpert in Einzelpersonen wie einst in Canning und Palmerston, entgegen,und das Hasten der Verkehrs- und wirtschaftsreichen neuen Zeit gemahnte ihnam Rheine anAhasverus, der nie zur Ruhe kommt, das Vorbild der heutigenWelt."

Hemmend und fördernd hatte er das Werden dieser Welt zu leiten gesucht, nunWar ihr Bild seinem Wesen fremd. Denn er hatte schwer geirrt. Er hat inneuen politischen Ideen die positiven Werte nicht erkannt und zum Aufbaubenützt, er hat zu oft nur das geschichtlich Erwachsene, nicht das Erwachsendeals berechtigt angesehen und hat sich vom gesunden Konservatismus getrenntdurch das Bewahren des Erstorbenen und Sterbensreifen, durch die Scheuauch vor der notwendigen Änderung und die Anwendung unnatürlicherZwangsmittel gegen den Fortschritt, dessen organische Natur er verkannte; erhat nur Staaten, Kabinette und führende Männer, nicht aber die Völker undin ihnen die wertschaffende Kraft des Mittelstandes beachtet, er hat die blindeMasse gefürchtet und doch haltgemacht vor dem einzigen wahren HilfsmittelSegen Revolution, der zeitgerechten National- und Sozialform und der Erzie-

143