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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
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lauert und den welschen Spähern längst verdächtig, auch wo er Großes undKühnes schuf und vorbereitete, immer den Unscheinbaren und Unbedeutendenspielen, sich freiwillig gleichsam zu einem Brutus machen müssen. Auch seineRede war diesem gemäß: langsam und fast lautlos schritt sie einher, sprachaber im langsam dehnenden Ton kühnste Gedanken oft mit sprichwörtlicherKürze aus. Schlichteste Wahrheit in Einfalt, geradeste Kühnheit in beson-nener Klarheit: das war Scharnhorst. Er gehörte zu den wenigen, die glauben,daß man vor den Gefahren von Wahrheit und Recht auch keinen Strohhalmbreit zurückweichen soll. Soll ich noch erinnern, daß dieser edle Mensch,durch dessen Hände als des stillen und geheimen Sehaffers und BereitersMillionen hingeglitten waren, auch nicht den Schmutz eines Kupferpfennigsdaran hatte kleben lassen? Er ist ein Vir innocens im Sinn der großen Altengewesen: er ist arm gestorben.

Solche war die Art und Gebärde dieses ernsten und tugendhaften Mannes, dertiefer als irgendeiner des Vaterlandes Weh gefühlt und mehr als irgendeinerzur Heilung desselben gestrebt und gewirkt hat. Wenn er so dastand, auf seinenStock gelehnt, sinnend und überschauend, gesenkten Hauptes und halb ver-schlossenen Auges und doch zugleich kühnster Stirn, hätte man meinen mögen,er sei der Todesgenius, der über den Sarkophag der preußischen Glorie gelehnt,den Gedanken verklärte: Wie herrlich waren wir einst! (Ernst Moritz Arndt,Erinnerungen aus dem äußeren Leben, 1840.)

ERNST MORITZ ARNDT

Als ein Greis lebt Arndt im Gedächtnis der Deutschen weiter, als der ,,alteArndt", obwohl seine größte Wirkenszeit zwischen sein 30. und 45. Jahr fällt.Aber erst spät, nachdem er aus der Glorie der Freiheitskriege in die Wolkender Demagogenhetze und der Verfassungsnöte getreten war, hob seine ritter-liche Gestalt sich deutlich ab von der Masse der schwankeren, dünneren, fla-cheren Zeitgenossen. Unter den Stein und Scharnhorst, Goethe und Hum-boldt, Schelling und Fichte ragte er nicht so erstaunlich hervor. Neben denMetternich und Gagern, Heine und Börne, Herwegh und Freiligrath erschiener ein Vermächtnis der verschollenen Heldenzeit. Seine Unbilden gaben ihmnoch einen Märtyrerglanz. Immer gleich feurig und lauter, treu und mutig,selbstlos und sachlich, entschieden und hingebend, überragte er als Einzelnerdas Parteigetriebe und verkörperte inmitten der Streber und Lärmer, Mächlerund Schwärmer das Ideal des getreuen Eckehart, mehr gehört und geehrt alsbefolgt. Vor allem, er hat etwas von .dem Blut und Eisen der Blücherzeitüber die Bürokraten-, Demagogen- und Professoren jähre in die Bismarck-zeit übergeleitet. Das Werk Bismarcks, böser, härter, enger und ungeistigerals Arndts Gedanken, enthält doch viel von ihrer Kraft und Vernunft. Arndtist der einzige undoktrinäre Volksmann, der zwischen Stein und BismarckGewicht hatte, und hält am würdigsten den Übergang zwischen dem deut-schen Preußen von 1813 und dem preußischen Deutschland von 1870. In ihmvereinigt sich zum letztenmal die Bildungsfülle unserer klassisch-romanti-schen Jahrzehnte mit staatswilligem Manntum und geradem Erdverstand.

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