So lebte er in beständiger Beobachtung seiner Pflichten und in ungestörtemGeistesgenusse glücklich in seinem Hause, in der Stadt und im Lande verehrtund geliebt, seinem eigenen Ausdrucke nach, erfreut durch vieles, betrübtdurch weniges, gekränkt durch nichts. (Friedrich Nicolai, Leben Justus Mosers,1843.)
PRINZ LOUIS FERDINAND
Prinz Louis von Preußen. Er war der preußische Alcibiades. Die etwas wüstenSitten hatten den Kopf nie zur Reife kommen lassen. Gleichsam als wäre erder erstgeborene Sohn des Mars, besaß er einen unermeßlichen Reichtum anHerzhaftigkeit und kühner Entschlossenheit; und wie gewöhnlich Majorats-herren, stolz auf ihren Reichtum, das andere vernachlässigen, so hatte aucher für eine ernstliche Bildung und Entwicklung seines Geistes nicht genuggetan. Die Franzosen nannten ihn un cräne; wenn sie damit einen geistlosenTollkopf bezeichnen wollten, so war das Urteil sehr verfehlt. Sein Mut warkeine brutale Gleichgültigkeit gegen das Leben, sondern ein wahres Bedürfnisnach Größe, ein wirklicher Heroismus. Er liebte das Leben und genoß es nurzu sehr, aber die Gefahr war ihm zugleich ein Lebensbedürfnis. Sie war seineJugendgespielin; konnte er sie nicht im Kriege aufsuchen, so ging er ihr nachauf der Jagd, auf großen Strömen, auf tollen Pferden. Er war in hohemGrade geistreich, von feiner Lebensbildung, voll Witz, Belesenheit und Talentenmancher Art, unter anderen für die Musik, denn er konnte auf dem Klavier füreinen Virtuosen gelten.
Er war einige 30 Jahre alt, groß, schlank und schön gebaut, hatte feine undedle Züge, hohe Stirn, wenig gebogene Nase, kleine blaue Augen von einemdreisten Blick, lebhafte Farben, blondes gelocktes Haar. Er hatte eine vor-nehme Haltung, einen festen Gang und eine Art, Brust und Kopf zu tragen,Worin von Stolz und Selbstgefühl gerade so viel war, wie dem Prinzen und demverwegenen Soldaten geziemt.
Ein ungezügelter Lebensgenuß hatte in seine edlen Züge Spuren einer früh-zeitigen Zerstörung getragen, doch war darin nichts von gemeiner Sinnlich-keit zu finden, und sein Ausdruck war nicht, wie man glauben könnte, dereines vornehmen Wüstlings, weil sich in ihm zu viel große Ideen regten, und dasinnere Bedürfnis nach Ruhm und Größe wie ein veredelnder Schein in seinÄußeres trat.
Geboren mit so herrlichen Eigenschaften und in großen Verhältnissen, hätteer notwendig ein großer Feldherr werden müssen, wenn ein langer Krieg ihndazu erzogen hätte oder wenn mehr Ernst des Charakters, weniger unbeküm-merte Sorglosigkeit ihm im Frieden ein nachhaltiges Betrachten und Prüfender großen Lebensverhältnisse gestattet hätte. Er war nicht, wie die meistenMänner, die wir hier zu schildern haben, unbekannt geblieben mit den Er-scheinungen der neueren Zeit in Kriegs- und Verwaltungswesen; er hing nichtmit blindem Köhlerglauben an der Überzeugung, daß das Preußentum sich■Notwendig über alles erheben müsse, und daß der preußischen Taktik nichtswiderstehen könne. Die großen Ereignisse der Welt beschäftigten ihn lebhaft,die neuen Ideen und Erscheinungen, von seinem lebhaften Geist angezogen,
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