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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
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rauschten durch seinen Kopf; er spottete der Kleinlichkeit und Pedanterie,mit der man Großes tun wollte; er suchte den Umgang der ausgezeichnetstenKöpfe aller Fächer; aber es war in seinem Leben keine Stunde ernsten,ruhigen, selbsttätigen Nachdenkens, und folglich auch in seinem Innern keineigener kerniger, gesunder Gedanke, keine zum konsequenten Handeln füh-rende abgeschlossene Überzeugung. Der Umgang mit den ausgezeichnetstenKöpfen schadete ihm mehr, als er ihm half, denn er schöpfte ihre Ideen vonder Oberfläche ab und nährte seinen Geist damit, ohne je selbst eine zu er-zeugen. Das überwiegende Gefühl des Mutes gab ihm dabei eine falsche Sicher-heit. So kam es denn, daß er auch über den Krieg wie über andere Dingekeine klaren Vorstellungen hatte, daß die Art, wie er jetzt geführt werdenmüsse, ihm dennoch fremd geblieben war, und daß er, als es zum Handeln kam,bei Saalfeld am Ende nichts Besseres zu tun wußte, als was ihm die Revue-plätze von Berlin, Potsdam und Magdeburg gelehrt hatten. Wie zu erwartenwar, schlug er dabei die Wirkungen seines Mutes zu hoch an; er wollte das Un-mögliche. Er erlag der eisernen Notwendigkeit, weil er nicht mit dem Ver-stände, sondern bloß mit dem Herzen hatte widerstehen wollen. Er fand denTod, weil er wie Talbot von der Erde, die zum Schlachtfelde diente, wie vonseinem Schilde nicht lassen wollte und dies ist der letzte und unumstöß-liche Beweis seiner gerechten Ansprüche auf Ruhm und Größe.-------Es gab

in der preußischen Monarchie kein Mittel, einen so ausgezeichneten jungenPrinzen auf irgendeine Art zu brauchen oder zu beschäftigen.So lebte er denn sein lustiges Leben fort, machte große Schulden, zerstreuteseine Kräfte in lauter Genüssen, hatte mitunter nicht die beste Gesellschaft, gingaber dennoch in diesen Dingen nicht unter, sondern erhob sein Haupt wieein guter Schwimmer und blieb mit seinem Geiste stets in edleren Regionen,nämlich stets angezogen von den großen Angelegenheiten des Staates undVaterlandes, und immer dürstend nach Ruhm und Ehre. Als Frankreich mitdem 19. Jahrhundert anfing, den übrigen europäischen Mächten sein Über-gewicht mit Übermut fühlen zu lassen, fing man auch in Preußen an, einzu-sehen, daß die politische Rolle, welche die Regierung seit dem Baseler Friedenspielte, weder sehr ehrenvoll, noch sehr klug und vorsichtig genannt werdenkönne. Diese Meinung verstärkte sich mit jedem Jahre und erreichte ihrenhöchsten Grad im Jahr 1805, als die Österreicher an Frankreich den Kriegerklärten. Freilich gab es auch in Preußen mehrere Stimmen, Prinz Louisgehörte zu denen, welche den Widerstand gegen Frankreich für unerläßlichund einen frühen Widerstand für weiser als einen späten hielten. Sein Ehr-gefühl als preußischer Prinz und als Neffe Friedrichs des Großen, sein un-gestümer Mut, selbst sein sorgloser Leichtsinn mußten ihn in dieser Richtungfortstoßen.

Wenn ruhigere Menschen von ernsterem Charakter und tieferem Denken der-selben Meinung zum Teil aus besseren Gründen waren, so hinderte das nicht,daß sie sich mit ihm darin enge verbanden, und er gewissermaßen an die Spitzederjenigen Partei kam, die den Krieg gegen Frankreich für die notwendigstePflicht hielt. (Carl von Clausewitz, Nachrichten über Preußen in seiner großenKatastrophe, herausgegeben 1888.)

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