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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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In seinem ganzen Wesen war Ernst mit Freundlichkeit verbunden. SeinMund lachte selten; aber fast beständig schwebte auf seiner heitern Stirnund auf seinem ganzen Antlitze das unauslöschliche Lachen, das Homer seinenGöttern zuschreibt. Er war gastfrei und hielt ein ansehnliches Haus; er selbstwar mäßig. Der Vorfall in seinen Kinder jähren, da er sich selbst in die Lagegesetzt hatte, jemanden um eine Gabe ansprechen zu müssen, hatte in ihmden Entschluß hervorgebracht, niemals einem Bettler eine Gabe zu versagen.Da ich bei unsern jährlichen Zusammenkünften in Pyrmont gemeiniglichbei ihm blieb, bis er abreiste, so habe ich ihn oft gesehen, ehe er wegfahrenwollte, umringt mit Bettlern, denen er mit zutraulicher Miene und oft mitteilnehmenden Worten einem nach dem andern mit größter Geduld austeilte,so lange noch einer da war.

Er war nichts weniger als habsüchtig; aber er ist in jungem Jahren eine ziem-liche Zeitlang daran gewesen, Gold machen zu wollen; worüber er auch mitdem bekannten Metallurgen Kramer in Braunschweig korrespondierte, derebenfalls an die Möglichkeit des großen Werks glaubte. Die Liebe zu seinemJüngern Bruder Johann Zacharias, welcher, um das Geheimnis, den Stein derWeisen, zu erfahren, sich ein Jahr in Algier und Tripolis aufgehalten hatte,bewog ihn, an diesen kostbaren Versuchen teilzunehmen. Er lächelte selbstdrüber, wenn er im Vertrauen davon erzählte, und setzte hinzu: Was wäreman für ein Mensch, wenn man nicht einmal einen vergeblichen Wunsch ge-habt hätte! Dies war bedeutend gesagt von dem Manne, der immer in weiserZufriedenheit lebte, der sich nie von Mißvergnügen plagen ließ, daher sich aufsolche Wünsche einschränkte, deren Erfüllung er in seiner Gewalt hatte.Moser gehörte auf keine Weise zu den Männern, die im Rufe mehr gewinnenund dagegen verlieren, wenn man sie in der Nähe sieht. Er gewann vielmehrsehr, man mochte ihn in kleiner oder großer Gesellschaft sehen. Sein Cha-rakter war wahr, aber nicht von der rauhen Wahrheit, welche andern lästigwird. Er trug in Gesellschaft jeden andern und drückte niemand. Er wußtedas Eigentümliche und das Beste jedes Charakters, der ihm in Gesellschaftvorkam, bald zu entwickeln und suchte ihn demgemäß zu unterhalten. Manerzählt von Hume, er sei still und trocken gewesen, wenn ihn die Gesellschaft,in welcher er war, nicht interessiert habe. Moser, obgleich in ungewünschterGesellschaft etwas ernsthaft, war immer aufmerksam und für jede Unter-redung gegenwärtig, nie abwesend oder zerstreut. Doch bemächtigte er sich,selbst unter Freunden, nie herrisch des Gesprächs, verteidigte nie seine Mei-nungen hartnäckig, hatte nie das Ansehen, belehren zu wollen, sondern nurGedanken zu wechseln; und da belehrte er oft am meisten, wegen des Wertsseiner Gedanken. Er kannte seinen eigenen Wert, trug ihn aber nie zur Schau,von Stolz oder Dünkel ganz rein. Sein Witz war treffend, aber urban, so wiesein Scherz; seine Satire milde, nie bitter. Er urteilte nicht nach Laune, aber oftskeptisch. Seine Urteile von einzelnen Menschen waren weder heftig noch hä-misch, aber treffend wahr, sobald es sich tun ließ, seine Meinung ganz zu sagen.Er sprach nie beleidigend und hielt sich durch Worte oder Widerspruch nie be-leidigt; und wenige hätten auch einen solchen Menschen beleidigen können, dergegen alle, die er um sich sah, indulgent, nur gegen sich selbst streng war.

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