Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

in schöngeformten Sätzen schreibt, beide sind die Söhne derselben Zeit, inwelcher das Pathos, welches in der Kunst noch keinen würdigen Ausdruckfindet, wie eine Schlingpflanze um das wirkliche Leben wuchert. Der Königaber war größer als seine Philosophie. In der Tat verlor er gar nicht seinenMut, die zähe trotzige Kraft des Germanen und nicht die stille Hoffnung,welcher der Mensch bei jeder starken Arbeit bedarf.

Und er hielt aus. Die Kraft seiner Feinde wurde geringer, auch ihre Feldherrennutzten sich ab, auch ihre Heere wurden zerschmettert, endlich trat Ruß-land von dem Bündnis zurück. Dies und die letzten Siege des Königs gabenden Ausschlag. Er hatte überwunden, er hatte das eroberte Schlesien fürPreußen gerettet, sein Volk frohlockte, die treuen Bürger seiner Hauptstadtbereiteten ihm den festlichen Empfang, er aber mied die Freude der Menschenund kehrte allein und still nach Sanssouci zurück. Er wollte den Rest seinerTage, wie er sagte, im Frieden für sein Volk leben. (Gustav Freytag, Bilderaus der deutschen Vergangenheit, 1859/1867.)

KATHARINA VON ZERBST, KAISERIN VON RUSSLAND

Die große Frau bestieg den Thron und behauptete ihn unter Gefahren, Auf-ruhren und Siegen, unter großen Arbeiten und weiten Entwürfen des Ehrgeizesbis an ihren Tod. Sie starb bewundert und verflucht, das Schicksal der mei-sten großen Menschen, und hinterließ den russischen Staat mit einer Giganten-größe, vor welcher die Russen selbst zittern müssen. Nie hat ein Weib in sogefährlichen Lagen so schlau, mutig und despotisch geherrscht, und schwerlichist die Beständigkeit weiblicher List, mit männlichem Mut vereint, weitergetrieben. Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, Strenge und Grausamkeit,Stärke und Schwäche wußte das große Weib immer klug zu mischen undherrschte so über alle, indem manche sie zu beherrschen schienen; den Scheinhat die Tat widerlegt. Selbst die Gerechtigkeit, die heiligste, die Aufklärung,die erlauchteste von allen Erlauchtigkeiten, die Lüge der Gnade, wo sie mitlangsamer List betrog und unterdrückte alles verstand die Mächtige zugebrauchen. Dunstwolken hat sie den Zeitgenossen vorgeworfen, sie sindnoch nicht zerflossen, aber ihre Blitze leuchteten durch, und sie wurden zu-gleich geblendet und betrogen. (Ernst Moritz Arndt, Geist der Zeit I, 1806.)

JOSEPH II. ÜBER SICH SELBST

Wenn es einstens Neronen und einen Dionys gab, der über die Schranken seinerMacht hinausging, wenn Tyrannen gewesen, die einen Mißbrauch von derGewalt gemacht, die ihnen das Schicksal in die Hände gab, ist es darum billig,daß man unter dem Vorwand von Besorgnissen, die Rechte einer Nation fürdie Zukunft zu bewahren, einem Fürsten alle möglichen Hindernisse in seinenRegierungsanstalten in Weg gelegt, die nichts andres als das Wohl und dasBeste seiner Untertanen zum Endzweck haben?

Ich habe seit dem Antritt meiner Regierung mir jederzeit angelegen sein lassen,die Vorurteile gegen meinen Stand zu besiegen; mir Mühe gegeben, das Zu-

136